Wirtschaft : Das Ende der Horrorfantasien

Experten geben Entwarnung: Der Ölpreis pendelt sich bei 60 Dollar pro Barrel ein. Worauf sich Autofahrer einstellen sollten

Anselm Waldermann

Berlin - Monatelang kannte der Ölpreis nur eine Richtung: nach oben. Die Verbraucher klagten über teures Benzin, und Wirtschaftsexperten sahen die Konjunktur in Gefahr. Seit einigen Tagen jedoch kann davon keine Rede mehr sein. Von fast 80 Dollar je Fass ist der Ölpreis zeitweise unter 60 Dollar gefallen – „der stärkste Rückgang seit 15 Jahren“, sagt Rainer Wiek vom Energie-Informationsdienst EID. „Die Spekulationsblase ist geplatzt.“

Von der Entwicklung profitieren auch die Verbraucher in Deutschland. Kostete ein Liter Superbenzin im Sommer noch 1,43 Euro, sind es mittlerweile nur noch 1,22 Euro. Ähnlich ist es bei Diesel: Hier sank der Literpreis von 1,20 Euro in der Spitze auf nun 1,08 Euro. „Einen solchen Preissturz habe ich noch nicht erlebt“, sagt Barbara Meyer-Buckow vom Mineralölwirtschaftsverband.

Noch vor wenigen Wochen sah das ganz anders aus. So mancher Schwarzseher prophezeite damals Ölpreise von 100 Dollar und mehr. Der Benzinpreis könne gut und gerne über 1,50 Euro klettern, hieß es. Heute glaubt an solche Horrorszenarien kaum jemand mehr – zumindest nicht in absehbarer Zeit. „Es gibt wenige Gründe, warum es wieder nach oben gehen sollte“, sagt Wiek vom EID. Die Krise um das iranische Atomprogramm habe sich ebenso beruhigt wie der Krieg im Libanon, außerdem sei die diesjährige Hurrikan-Saison im Golf von Mexiko ausgeblieben. Vor allem aber sprächen die Fundamentaldaten gegen erneut steigende Preise: „Die Vorratslager in den USA sind gut gefüllt“, erklärt Wiek. „Die 80-Dollar-Marke werden wir so bald nicht mehr sehen.“

Nach den jüngsten Angaben der amerikanischen Energiebehörde halten die USA derzeit deutlich mehr Öl auf Vorrat als im langjährigen Durchschnitt. Auch mit Benzin, Diesel und Heizöl sind die Läger überdurchschnittlich gut gefüllt.

Weiter sinken werden die Preise allerdings wohl auch nicht. „Möglicherweise haben wir den Tiefpunkt erreicht“, sagt Wiek. „Wir erleben gerade eine Verfestigung bei rund 60 Dollar je Barrel.“ Entscheidend sei nun, wie sich die Opec (Organisation Erdöl exportierender Staaten) verhält. Denn dem Kartell gefallen die vergleichsweise niedrigen Preise gar nicht. Würde die Opec die Produktion drosseln, könnte sich der Preis wieder leicht aufwärts bewegen. Gerade in den letzten Tagen zog der Ölpreis wieder in Richtung 63 Dollar an.

Diese Entwicklung entspricht der Erwartung der Deutschen Bank. „Deutlich nach unten wird es nicht mehr gehen“, sagt Energieexperte Josef Auer. „Der Preis wird sich um die 60 Dollar einpendeln und eher nach oben tendieren.“ Insgesamt erwarte die Deutsche Bank im vierten Quartal einen „etwas höheren“ Ölpreis als derzeit – unter anderem wegen der Heizsaison auf der Nordhalbkugel.

Auch in Deutschland kennen Verbraucher dieses Phänomen. So sind die Heizölpreise zuletzt weniger deutlich gesunken als bei Diesel und Benzin. Experten führen das auf den Herbstanfang zurück. „Sobald es kühler wird, steigt die Nachfrage“, erklärt Wiek vom EID. Schließlich müssen viele Haushalte ihre Öltanks dringend auffüllen: Wegen der hohen Preise in den vergangenen Monaten hatten sie den Einkauf aufgeschoben. „Die Deutschen sind klassischerweise unterversorgt“, sagt Wiek. Das hält die Preise davon ab, stärker zu sinken. Deutschlandweite Zahlen für Heizöl liegen allerdings noch nicht vor; die gibt das Statistische Bundesamt erst in diesen Tagen bekannt.

Doch selbst wenn Öl wieder etwas teurer wird – für die Konjunktur sehen Experten keine Gefahr. „Mit einem Ölpreis von 60 Dollar oder etwas mehr kann die deutsche Volkswirtschaft gut leben“, sagt Auer von der Deutschen Bank. „Die Energieeffizienz ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen; der derzeitige Ölpreis schadet unserer Wettbewerbsfähigkeit nicht.“ Auf ein Preisniveau wie in den 90er-Jahren dürfe man jedenfalls nicht so bald hoffen: damals kostete das Barrel Rohöl zeitweise weniger als zehn Dollar.

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