Wirtschaft : Das Ende eines Finanzmärchens

Die US-Kreditkrise trifft Island besonders hart

André Anwar

Reykjavik - Auf dem Kirkjutorg im Zentrum von Islands Hauptstadt Rejkjavik betreibt Storm Karlsson einen Luxusbekleidungsladen. Unter der Wirtschaftskrise und der hohen Inflation habe sein Umsatz bislang nicht gelitten, erzählt der 30-jährige Isländer. „Bei mir kaufen sehr wohlhabende Leute ein. Da merkt man so etwas nicht sofort.“ Aber er sehe deutlich, dass die Leute in Reykjavik insgesamt weniger einkaufen. Kürzlich habe es zudem gleich um die Ecke eine Demonstration gegeben, sagt er. Das seien Taxifahrer gewesen. „Wir haben inzwischen irrsinnig hohe Benzinpreise“, erklärt Karlsson.

Einst waren Wirtschaftskrisen in dem nordeuropäischen Inselstaat überschaubar. Sie gingen vor allem vom Fischfang und den schwankenden Preisen für diese Ressource aus. Das ist heute anders. Durch eine nahezu märchenhafte internationale Expansion isländischer Investmentbanken hat sich die Insel in den vergangenen Jahren von der Abhängigkeit vom Fisch gelöst. Vor rund zehn Jahren begannen isländische Investmentbanken, international alles aufzukaufen, was Gewinn versprach. Vor allem in Skandinavien und Großbritannien überschlugen sich die Meldungen von den expansionsfreudigen Wikingern, die Banken, Medienunternehmen, Supermärkte und Immobilien aufkauften. Die begrenzte Wirtschaftskraft des nur 301 000 Einwohner zählenden Staates reichte bei weitem nicht aus, um diese Expansionen zu finanzieren. Stattdessen nahmen die drei großen Banken des Landes, Kaupthing, Landsbanki und Glitnir, zu damals noch niedrigen Zinsen Geld auf den internationalen Finanzmärkten auf. Jetzt sind die Zinsen sehr hoch, die Kredite teuer geworden. Die durch die Kredite gestützten Finanzaktivitäten der einheimischen Banken betragen heute rund das Zehnfache des gesamten isländischen Bruttosozialproduktes.

Das Finanzmärchen ist zu Ende. Die Folgen der Kreditkrise in den USA und die schlechte Weltwirtschaftsentwicklung haben Island in eine so tiefe Krise geführt, dass die „Financial Times“ sogar schreibt: „Mit Island hat die weltweite Finanzkrise erstmals ein ganzes Land in Gefahr gebracht.“ Der Börsenindex in Reykjavik ist im letzten halben Jahr um ein Drittel gestürzt. Die isländische Krone hat eine riskante Talfahrt erlebt. Heute ist ein Euro 122 Kronen wert, vor zwei Jahren waren es noch 79. Das treibt die Preise an.

Die Nationalbank versucht gegenzusteuern. Bislang hat die stetige Erhöhung der Leitzinsen jedoch weder die Inflation merkbar abgeschwächt noch die Währung gestärkt. Die Inflationsrate liegt mit 8,7 Prozent weit entfernt von 2,5 Prozent, dem Richtwert. Erst vor zwei Wochen hatte die Zentralbank deshalb die Leitzinsen von 15,25 Prozent weiter auf 15,5 Prozent erhöht. Regierungschef Geir Haarde sagt aber, von einer Krise könne eigentlich nicht die Rede sein.

Auch beim Investmenthaus Kaupthing zeigt man sich gelassen. Seine Bank sei nicht auf Unterstützung durch den Staat angewiesen, sagt Vorstandschef Sigurdur Einarsson. „Wir hatten im letzten Jahr 800 Millionen Euro Gewinn. Unsere Liquidität liegt bei 14 Milliarden.“ Das soll auch deutsche Anleger beruhigen, um die die Bank derzeit mit außergewöhnlich hohen Tagesgeldzinsen wirbt. Die Bank habe ihre Risiken international gestreut, heißt es. Ob solche Erklärungen beruhigen können, muss sich zeigen. Doch der Aufschwung des Inselstaats wurde erst einmal gestoppt.André Anwar

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