• Das Ende eines Mittelstands-Märchens - aus der badischen Vorzeigefirma könnte einer der größten Kriminalfälle werden

Wirtschaft : Das Ende eines Mittelstands-Märchens - aus der badischen Vorzeigefirma könnte einer der größten Kriminalfälle werden

koe/shf

Es war ein Donnerschlag für die Region zwischen Karlsruhe und Baden-Baden, als das Debakel um die Ettlinger Flowtex-Gruppe vor gut zehn Tagen bekannt wurde. "Bricht das Flowtex-Imperium wie ein Kartenhaus zusammen?", fragten die "Badischen Neuesten Nachrichten". Sogar von der "Bombe Flowtex" ("Badisches Tageblatt") war die Rede. Die Schlagzeilen verwundern nicht: Schließlich steht einer der größten Arbeitgeber und auch Steuerzahler in Ettlingen bei Karlsruhe auf der Kippe. Mit insgesamt 4000 Mitarbeitern setzt die Schmider-Kleiser-Gruppe rund 1,3 Milliarden Mark um. Den größten Umsatzbeitrag mit 870 Millionen Mark erbringt die jetzt im Zentrum der Ermittlungen stehende Flowtex Technologie GmbH & Co. KG.

Schmider und Kleiser hatten einen guten Ruf und wurden geachtet. Nicht zuletzt deshalb, weil sie sich in den zurückliegenden Jahren überaus spendabel zeigten und stets ein offenes Ohr für regionale Anliegen hatten. So soll zum Beispiel in Baden-Baden Anfang September das mit 1,7 Milliarden Mark am höchsten dotierte deutsche Galopprennen "Flowtex Großer Preis von Baden" starten. Ob daraus etwas wird, ist fraglich. Seit zehn Tagen sitzen Schmider und Kleiser in Untersuchungs-Haft. Sämtliche Vermögenswerte wurden gepfändet. Mit fingierten Leasinggeschäften für Bohrgeräte sollen die beiden Geschäftsleute rund 80 Banken und Leasingfirmen um Milliarden geprellt haben. Die Verbindlichkeiten der Gruppe sollen sich auf rund drei Milliarden Mark belaufen. Erinnerungen an den Fall Procedo/Balsam werden wach. 1994 hatte sich bei der bis dahin unscheinbaren Balsam-Gruppe und der Factoring-Gesellschaft Procedo eine milliardenschwere Schieflage offenbart. Übereinstimmung auch an anderer Stelle: Die Schätzungen für den Schaden, den die Flowtex-Manager durch Luftgeschäfte mit Bohrgeräten verursacht haben sollen, steuern inzwischen zielstrebig auf ähnliche Dimensionen zu wie seinerzeit im Fall Procedo (2,7 Milliarden Mark). Auch bei der Struktur der Betrugsfälle gibt es Übereinstimmungen: Waren es bei Flowtex nicht existierende Bohrgeräte, zapften die Balsam-Manager die Banken mit nicht vorhandenen Forderungen an. Und wie bei vielen anderen Betrugsfällen, ließen sich die Geldgeber bei Flowtex offenkundig von einer ausgeklügelten, geradezu perfekt gelebten Fassade eines scheinbar florierenden Industrieunternehmens blenden.

Schmider und Kleiser starteten ihren Erfolg in den 80er Jahren, als sie in Amerika eine Lizenz erwarben, die das Verlegen von Rohren erlaubt, ohne das Erdreich aufgraben zu müssen. Im Laufe der Jahre erwarben sie zahlreiche Firmen, die sich mit der Ver- und Entsorgung etwa von Gas, dem Braunkohletagebau oder auch der Umwelttechnik beschäftigen. Alle Beteiligungen wurden in der Schmider-Kleiser-Holding gebündelt. In die Schlagzeilen gerieten Schmider und Kleiser 1996, als sie 90 Prozent der Anteile der Mannheimer Friatec AG erwarben. 1998 verkauften sie ihre Friatec-Aktien an die britische Glynwed-Gruppe. Satte 300 Millionen Mark Gewinn sollen die beiden Karlsruher dabei eingestrichen und angeblich am Fiskus vorbei in die Schweiz transferiert haben.

Ein Prestigeprojekt für Schmider und Kleiser ist der ehemalige kanadische Flughafen in Söllingen. Das Terrain wurde unter anderem mit Landesmitteln zu einem Technologiepark mit Regionalflughafen ausgebaut. Der "Baden Airpark" war noch vor einem Jahr von Ministerpräsident Erwin Teufel als "Aushängeschild für die Region" gelobt worden. Anlass seiner Rede: Die Grundsteinlegung für ein 100 Millionen Mark teuren Bürokomplex, in dem die Schmider-Kleiser-Holding ihr Domizil aufschlagen will. Es gibt einige Ungereimtheiten in der Karriere der Flowtex-Eigner. Bis heute ist ungeklärt, woher der Reichtum der Schmiders stammt. Dem Ehepaar gehören mehrere Villen, Segeljachten und sogar ein Jet. Angeblich soll die Ehefrau zwischen 50 und sogar 500 Millionen Mark in die Ehe eingebracht haben.

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