Das Ende von Quelle : Loyal bis zur letzten Minute

Nur noch wenige Mitarbeiter arbeiten im Quelle-Versandzentrum. Der Ausverkauf hat begonnen.

Thomas Magenheim
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Ausverkauf. Seit Mitte der Woche strömen Schnäppchenjäger in das Nürnberger Einkaufszentrum. -Foto: dpa

Nürnberg - Die Gegend entlang der innerstädtischen Bahngleise wirkt wie ein Abbruchviertel. In Blickweite liegt der Ort, wo vor drei Jahren hunderte Beschäftigte vergeblich um die Existenz des Nürnberger AEG-Werks gekämpft haben. Inmitten der Tristesse erhebt sich ein Turm mit dem Logo der einstigen Wirtschaftswunderfirma Quelle. Geflickter Asphalt, schmucklose Bauten, öde Parkplätze und ein braunes Ungetüm aus Klinkersteinen. Das ist das Nürnberger Versandzentrum des zur Abwicklung verurteilten Traditionsunternehmens. Die Firmenzentrale in Fürth liegt nur einen Kilometer östlich von hier.

Morgens kurz vor acht Uhr nähern sich erste Beschäftigte ihrem Arbeitsplatz, der bald ebenso verschwunden sein wird wie der Morgennebel. „Es kommen nicht mehr viele“, sagt die Bäckersfrau, die am Quelle-Personaleingang seit fünf Jahren ihren Laden hat. Seit Dienstag, als das Aus verkündet wurde, tröpfle das Personal nur noch spärlich herein. Ein junger Angestellter mit auffälligem Ohrring verabschiedet sich gerade von ihr. „Ich habe noch 14 Tage Resturlaub, aber der Oktober hat keine 14 Tage mehr“, sagt er im Weggehen. Die Bäckersfrau versteht. Ab November ist ihr Stammkunde, wie die meisten anderen Quelle-Beschäftigten hier, ohne Job.

Man sieht Menschen mit versteinerten und leeren Gesichtern im Bauch des Kolosses an der Fürther Straße verschwinden. Über ihr Schicksal reden wollen die wenigsten. 30 Bewerbungen habe sie seit August schon geschrieben, sagt eine zierliche Brünette schließlich. 7,15 Euro pro Stunde sei ihr angeboten worden als Verkäuferin. Quelle zahlt ihr als Auszeichnerin 12,45 Euro. „Ich muss große Abstriche machen, wenn ich überhaupt was bekomme“, schätzt die 39-Jährige. Die Mitbewerberinnen seien viel jünger.

Dennoch wirkt die alleinerziehende Mutter gefasst, wie auch eine 47-jährige Bürokraft. Eine staatlich finanzierte Auffanggesellschaft zur Qualifizierung für neue Jobs wird es nicht geben, ist sie sich sicher. „Der Wahlkampf ist vorbei“, erklärt die Frau, die seit 26 Jahren im Haus arbeitet, ihren Pessimismus. Das Tröpfeln am Quelle-Personaleingang wird noch dünner. Der riesige Klotz wirkt fast ausgestorben. Nur hinter wenigen Fenstern brennt Licht. Bald werden auch die letzten Lampen erlöschen.

Bundesweit gehen bis zu 10 000 Quelle-Mitarbeiter harten Zeiten entgegen. 82 Jahre Tradition werden weggewischt, wenn der 1927 gegründete Konzern schließt. Die Bäckersfrau ist gut informiert. Einige hätten es geschafft und einen neuen Job, sagt sie. „Die sind teils über 50 und müssen was ganz Neues anfangen, beim Lebkuchen zum Beispiel“, sagt sie. Das wisse sie, weil sich eine ihrer Stammkundinnen bei ihr verabschiedet habe, bevor sie bei einer Nürnberger Lebkuchenfirma anfing.

Eine 54-Jährige lässt mit sich reden. Ihren Namen will sie wie alle anderen nicht nennen. Das jetzige Interesse der Öffentlichkeit findet sie fast amüsant. „In zwei Wochen kräht kein Hahn mehr nach uns“, sagt sie und zählt sich zu den relativ Glücklichen. Denn ihr Mann hat Arbeit und zwar nicht bei der Quelle. Manche ihrer Kolleginnen trifft es schlimmer. Es gebe in ihrer Abteilung einige, wo Mutter, Vater und bereits die älteren Kinder alle bei dem Versandhaus arbeiten. Quelle-Ehen, heißen die im Firmenjargon. Ganze Familien stehen damit vor den Trümmern ihrer wirtschaftlichen Existenz.

Viele, die hier lange beschäftigt waren, werden es schwer haben, einen neuen Job zu finden. „60 Prozent Frauenanteil, meistens lang dabei, 25 Jahre ist das Normale“, erläutert eine Betriebsrätin die Beschäftigtenstruktur. Der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) hofft, dass am Ende 1500, vielleicht auch 2500 Arbeitsplätze gerettet werden können.

Mehr als das pünktliche Auszahlen des Arbeitslosengeldes erwarten sich die Betroffenen von der Politik nicht. Wirklich verraten fühlen sie sich vom eigenen Management. „Die Oberen haben es versaut“, sagt eine Büroangestellte, die mit zwei Kollegen am Stehtisch der Bäckerei Kaffee trinkt. Die anderen stimmen ihr zu. Als der Name des Ex-Konzernlenkers Thomas Middelhoff fällt, blitzt es in ihren Augen aggressiv auf. Konzeptlos totgemanagt, alle Immobilien verkauft und zu teuer zurückgemietet, Lohnverzicht ohne Ende und alles für nichts, fassen sie die letzten fünf Jahre wütend zusammen. Und gehen dann in die Quelle. „Ich bin loyal bis zur letzten Minute“, sagt einer der Männer im Gehen. Was nun kommt? Schulterzucken und ein düsterer Blick. Die Büroangestellte dreht sich noch einmal um. „Es hätte ein Familienbetrieb bleiben sollen“, ruft sie.

Jetzt öffnet das Quelle-Kaufhaus im Erdgeschoss des riesigen Komplexes. Rabattschilder beherrschen die Auslagen. 30 Prozent auf Bekleidung und Schuhe, 50 Prozent auf Schmuck. Der Ausverkauf hat begonnen. Binnen sechs Wochen will Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg die Lager geräumt und versilbert haben. „Die ersten Aasgeier stehen vor der Tür, eine halbe Stunde bevor wir öffnen“, sagt ein älterer Mann, der im Kaufhaus arbeitet. Er werde maximal bis Weihnachten benötigt. Das sei überhaupt das Schlimmste, sagt er, Weihnachten ohne Job und ohne Geld. Nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung will Insolvenzverwalter Görg möglicherweise auf seine Bezahlung für das Quelle-Verfahren verzichten. Bestätigen wollte sein Sprecher das am Freitag aber nicht.

Auch im Internet hat der Ausverkauf schon begonnen. Beim Online-Auktionshaus werden aktuelle Kataloge mit dem Hinweis „Vielleicht der letzte?“ angeboten. Ähnliche Offerten von Firmenutensilien habe es auch nach der Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers gegeben, sagt eine Ebay-Sprecherin. Manche Leute hoffen wohl, wenigstens so noch etwas Geld machen zu können.

Die Bäckersfrau wird ihr Geschäft zumachen, wenn Quelle nicht mehr ist. „Aber ich sperre einen neuen Laden auf in Fürth“, verkündet sie kämpferisch. Für die meisten ihrer langjährigen Stammkunden werde es aber wohl ganz bitter.

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