Wirtschaft : Das Geschäft mit der Ungeduld

Der Internet-Handel verspricht Lieferung noch am selben Tag. Die Kunden mögen das

Scot J. Paltrow

Mit der Ungeduld der Menschen lässt sich vielleicht doch noch ein Geschäft machen. Zumindest, wenn man Aisha Wagle aus New York als Beispiel nimmt.

Vor etwa einem Jahr fiel der 29-Jährigen bei der Arbeit ein, dass sie noch am selben Abend ein Geburtstagsgeschenk für einen Freund brauchte. Sie war zu beschäftigt, um noch schnell eines zu kaufen und bestellte deshalb ein Buch bei Barnesandnoble.com. Noch am selben Tag, und somit rechtzeitig zur Party, traf das Buch in ihrem Büro in Manhattan ein – ohne zusätzliche Lieferkosten. Einige Monate später schrieb sie sich in Betriebswirtschaft ein und stellte erschrocken fest, dass sie auf die Schnelle Differenzialrechnung und Statistik büffeln musste. Also ging sie online und bekam noch am selben Tag zwei Lehrbücher geliefert.

In den unbeschwerten Tagen, als der elektronische Handel seinen Boom erlebte, gab es eine Menge Internet-Dienste, die dieses Bedürfnis nach prompter Erfüllung der Wünsche befriedigen wollten – Unternehmen wie Webvan, Kozmo.com und UrbanFetch. com versprachen Lieferung am Tag der Bestellung. Aber sie scheiterten spektakulär, weil sie zu viel anboten, ohne Profit dafür zu sehen. Jetzt setzt eine kleine, aber wachsende Gruppe Händler wieder auf dieses Konzept, versucht aber, aus den Fehlern der Vorgänger zu lernen.

Besonders bemüht um prompte Lieferung ist Barnesandnoble.com in Manhattan. Obwohl es in ganz Manhattan Barnes&Noble- Läden gibt, ziehen die New Yorker es vor, sich Bücher liefern zu lassen, statt sich die Zeit zu nehmen, in einem Geschäft zu stöbern und an der Kasse zu warten.

Im Mai 2000 schloss sich Barnesandnoble. com. mit Choice Courier Systems, einem seit 1964 existierenden privaten New Yorker Kurierdienst, zusammen. Weil Choice bereits über eine gute Infrastruktur verfügt und die Aufträge von Barnesandnoble.com in seinen täglichen Kurierdienst integrieren kann, „sind sie in der Lage, uns einen sehr guten Preis zu machen“, verrät Marie Toulantis, Präsidentin von Barnesandnoble.com. Deshalb entstehen für die Kunden bei einer Lieferung am selben Tag auch keine zusätzlichen Kosten. Im Gegenteil: Jeder, der sich für eine Standardlieferung entscheidet – sie kostet drei US-Dollar (2,72 Euro) plus 99 Cent pro Artikel –, erhält die Lieferung automatisch am selben Tag, wenn er bis elf Uhr bestellt.

Das Unternehmen profitiert von der Lage seines Warenhauses in der Nähe von Jamesburg, New Jersey, etwa 45 Autominuten von Manhattan entfernt. Weil es aber nur dieses eine große Lager hat, ist Barnesandnoble. com. nach eigenen Angaben nicht in der Lage, auch andere Teile der USA schnell zu beliefern und ist daher auch keine ernst zu nehmende Bedrohung für Amazon.com, den größten Online-Buchhändler in den USA.

Plötzlich tauchen auch wieder Führungskräfte gescheiterter Internet-Firmen mit neuen Geschäftsmodellen aus der Versenkung auf. Ein Angebot kommt von Chris Mannella, der früher bei Webvan für das Marketing zuständig war.

Mit einem Startkapital von zehn Millionen US-Dollar gründete Mannella die Firma Ensenda, einen US-weiten prompten Kurierdienst mit Sitz in San Francisco. Das Unternehmen führt die Lieferungen nicht selbst durch, sondern fungiert als Mittelsmann zwischen Händler und Kunden und arrangiert Lieferungen von Teddybären bis zu Baubedarf. Hierzu hat es ein Netzwerk aus mehr als 300 bestehenden regionalen Kurierdiensten in den USA und Kanada zusammengestellt. Mannella ist zuversichtlich, in den kommenden Quartalen schwarze Zahlen zu schreiben.

Ein weiterer neu gegründeter Online- Dienst für Manhattan, dem der elektronische Handel erhöhte Aufmerksamkeit schenkt, ist FreshDirect. Wie Webvan zuvor liefert FreshDirect den Kunden via Internet bestellte Lebensmittel ins Haus. Aber hier enden die Gemeinsamkeiten, wie seine Gründer betonen. Im Gegensatz zu Webvan werden bei FreshDirect die Artikel erst auf Kundenbestellung vorbereitet und verpackt. Um das tun zu können, bestellt das Unternehmen direkt vom Erzeuger – Landwirten, Molkereien, Fischmärkten im Hafen – und verpackt die Waren ausschließlich in seinem hochmodernen Betrieb in Long Island City in Queens. Von dort aus wird der Osten Manhattans beliefert.

Jason Ackerman, Präsident des Unternehmens und früherer Investmentbanker, behauptet, das Unternehmen könne frischere Ware als die Supermärkte liefern und das zu einem Preis, der um 30 Prozent niedriger sei. Die Ausschaltung von Zwischenhändlern sei eines der Geheimnisse der Kostensenkung. Außerdem habe FreshDirect einen weiteren großen Kostenfaktor ausgeschaltet: verdorbene Lebensmittel. Weil erst auf individuelle Bestellung hin zugeschnitten, gebraten und verpackt wird, fällt bei FreshDirect weit weniger Abfall an als bei vorgeschnittenen oder abgepackten Produkten. Die Firma röstet sogar ihre eigenen Kaffeebohnen: Die rohen grünen Bohnen werden nur gebräunt, wenn ein Kunde sie bestellt.

Im Gegensatz zu Webvan habe man feste Lieferstunden und bündele auch die Bestellungen aus einer Gegend, sagt Ackerman. Er sagt auch, dass Webvan wie viele andere, von der irrigen Annahme ausgegangen sei, der Wettbewerbsvorteil liege allein in der Tatsache, Internet-Anbieter zu sein. Die Erfahrung lehre, sagt Ackermann, dass dem nicht so sei. Was die Kunden anspreche, seien hochwertige Lebensmittel zu niedrigeren Preisen als im Supermarkt.

Ackerman vergleicht FreshDirect mit Dell Computer, die PCs nach individuellen Kundenwünschen herstellt. Anders als Webvan und die Supermarktketten in den USA, die Internet-Dienste anboten, „sind wir keine Liefer-, sondern eine Herstellerfirma“.

Übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Barbie), Svenja Weidenfeld (Lieferdienste), Matthias Petermann (Schröder) und Christian Frobenius (Irak, Musikindustrie) .

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