Wirtschaft : „Das Grollen dauert noch an“

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Herr Hesse, heute morgen haben sich die Tarifparteien geeinigt ...

Ja, als ich aufgewacht bin, hat es ein Gewitter in Frankfurt gegeben. Und als ich die Nachrichten hörte, hat mich der Donner getroffen. Das Grollen dauert noch an.

Das ist also kein guter Abschluss?

Das ist genau das, was wir nicht gebrauchen konnten. Der Abschluss ist absolut kontraproduktiv.

Warum?

Die Lohnsteigerung ist viel zu hoch für die breite Masse der Unternehmen. Die Situation in unserer Industrie ist kompliziert. 30 Prozent der Unternehmen können überhaupt keine Tariferhöhung gebrauchen. Das sind vor allem die kleinen und mittleren. Daher war der Vorschlag der Arbeitgeber absolut richtig, um Himmels willen keine pauschale Erhöhung zu vereinbaren, sondern einen niedrigen Abschluss für alle und einen Aufschlag für all diejenigen, die in einer wirtschaftlich komfortableren Situation sind.

Die Gewerkschaft hat also gewonnen?

Das war ein deutlicher Sieg der Gewerkschaft. Und das bedeutet: Es war ein harter Schlag gegen die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und ein harter Schlag gegen die Sicherheit der Arbeitsplätze für die Arbeitnehmer.

Welche Konsequenzen wird das haben?

Tückisch ist, das wir zunächst wenig davon spüren werden. Aber es wird einen erheblichen Druck auf den Arbeitsmarkt geben – das werden wir spätestens im Herbst sehen. Langfristig wird dieser Abschluss Arbeitsplätze in den niedrigen Lohngruppen in Frage stellen. Unsere Industrie ist sehr wettbewerbsfähig. Das wird sie auch bleiben. Aber viele Arbeitsplätze werden nun stärker auf dem Prüfstand stehen. Das weiß die IG Metall, und das ist verantwortungslos.

Warum haben die Arbeitgeber dennoch nachgegeben?

Die Industrie ist nicht streikfähig. Daher hat es bei den Verhandlungen kein Gleichgewicht gegeben. Viele Unternehmen sind in einer Situation, in der sie sich einfach keinen Streik leisten können. Sie kämpfen um jeden Auftrag. Außerdem wäre ein Streik Gift für die Konjunktur gewesen, denn immerhin ist die Metallindustrie eine der wenigen Branchen, in denen es gut läuft.

Der Tarifvertrag läuft nur bis März ...

Auch das ist kontraproduktiv. Wir bräuchten eine längere Phase der Stabilität.

Hannes Hesse ist Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Maschinen- und

Anlagenbau (VDMA). Die Organisation vertritt 3000 Unternehmen. Das Interview führte Corinna Visser

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