Wirtschaft : Das Gütesiegel Euroland reicht nicht mehr aus

KATHRIN QUANDT/HB

HUNDERTE BLAUER BALLONS STEIGEN IN DEN HIMMEL . Im Brüsseler Ministerratsgebäude fließt der Champagner. In Frankfurt verteilen Börsen-Mitarbeiter blaue Westen mit dem Euro-Symbol an die Gäste. Europas Staaten rücken zum Euroland zusammen.Das Fest ist gut ein halbes Jahr her. Ist Euroland schon eine Einheit? Viele Experten gehen stillschweigend davon aus, analysieren europäische Aktien nur noch branchenweise. Dabei spricht einiges dafür, daß einzelne Börsen in Euroland unterschiedliche Gewinnchancen haben. Entsprechend sollten Anleger auswählen. Favorit der Bankstrategen ist der deutsche Aktienmarkt, gefolgt von Frankreich; auch für spanische Titel sehen einige Analysten Kurspotential.Gemeinsame Währung und Geldpolitik verbinden die Euro-Länder. Neue europäische Indizes wie der Euro Stoxx 50, der die größten Aktien umfaßt, demonstrieren Einheit nach außen. Das Kapital internationaler Großanleger strömt in die Top-Titel, zieht damit auch nationale Indizes nach oben. Kein Wunder: Wall Street ist hochbewertet, viele fürchten Rückschläge. Und für Investments in Asien müssen Anleger viel Mut zum Risiko mitbringen. Was bleibt, ist Europa. Aber das nationale Umfeld, die jeweilige Wirtschafts- und Finanzpolitik, prägt noch die Einzelstaaten, die Firmen - und damit die Börsen. Was die Aktienmärkte besonders beeinflußt, sind unterschiedliche Strukturen des Unternehmenssektors: Je nachdem, welche Firmen im nationalen Aktienindex stark gewichtet sind, reagiert dieser stärker oder schwächer auf die Konjunktur.Das Gütesiegel Euroland allein reicht also nicht, um jede Aktie aus der Region zu empfehlen. Was den Bankern allerdings auch nicht einfällt. Viele verlassen sich gern auf den Branchenansatz, wenn sie Aktien einstufen. Die These für dieses Modell: Für die Branchen in Europa können Gesamttrends abgeleitet werden. Zwar nähert sich die Wirtschaftspolitik der Länder langsam an, so daß dem Branchenansatz wohl die Zukunft gehört. Mittelfristig sieht die Sache aber anders aus. "Die Angleichung der Geld- und Finanzpolitik in Europa wird zehn bis 20 Jahre dauern", schätzt Rainer Schröder, Chefvolkswirt bei der britischen Fondsgesellschaft Invesco in Frankfurt. Derzeit sei der Einfluß der Einzelstaaten auf die Firmen genauso stark wie der der Branchentrends.Weil im Dax konjunktursensible Werte stärker gewichtet sind als in den übrigen europäischen Indizes, trauen Experten den Titeln hierzulande die besten Gewinnchancen zu. Ein Tip für alle, die dem Länderansatz mißtrauen: Wer Titel kauft, die gleichzeitig aus attraktiven Branchen und Märkten mit guten Kursaussichten stammen, ist doppelt abgesichert.

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