Wirtschaft : Das Handwerk tritt auf der Stelle

Philipp vermißt Förderung / Weniger Lehrstellen / In Berlin Ausbildung konstant BONN/BERLIN (wei/alf).Das Handwerk verharrt weiter in einer konjunkturellen Flaute.Handwerkspräsident Dieter Philipp sagte am Dienstag in Bonn, in fast allen Branchen fehlten binnenwirtschaftliche Impulse.Das betreffe vor allem die ostdeutschen Handwerksbetriebe, für die der Export praktisch keine Bedeutung habe.Um so unverständlicher sei es, daß die Förderung der ostdeutschen Industrie weiter verstärkt, die Unterstützung für den Mittelstand dagegen erneut den Haushaltszwängen geopfert werde.Philipp forderte nachdrücklich eine Steuerreform, "die diesen Namen auch verdient, ohne faule Kompromisse".Mit einer "kleinen Lösung" könne sich das Handwerk nicht zufrieden geben."Besonders enttäuschend" sei, daß die Mittelstandskomponente bei der Reform der Gewerbesteuer unter den Tisch gefallen sei.Eine Senkung der Gewerbeertragssteuer müsse deshalb nachgeholt werden.Sollte die Verabschiedung der Steuerreform noch in dieser Legislaturperiode scheitern, könne die Wirtschaft nicht vor dem Jahr 2000 mit steuerlichen Erleichterungen rechnen. Ziel des Handwerks sei eine Nettoentlastung um die 30 Mrd.DM.Der Steuersatz für Unternehmen müsse unter 40 Prozent liegen.Nur dann sei die Wirtschaft bereit, die Beseitigung von Ausnahmeregelungen mitzutragen.Auch bei der Sozialversicherung lehnt der Handwerkspräsident "eine reine Umverteilung" ab.Eine Senkung der Beiträge müsse durch Abstriche bei den Leistungen erfolgen.Mit einer anderen Finanzierung des bestehenden Leistungsspektrums - "etwa mit einer Mehrwertsteuererhöhung" - sei niemandem geholfen.Die kleinen und mittleren Betriebe würden dadurch vergleichsweise noch stärker belastet als heute.Eine Mehrwertsteuererhöhung werde nur noch mehr Umsätze in die Schattenwirtschaft abdrängen, die nach den Worten Philipps bereits heute 550 Mrd.DM jährlich erwirtschaftet. Nach den Erhebungen des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), haben die Handwerksbetriebe bis Ende August drei Prozent weniger neue Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Vorjahreszeitraum.Besonders ausgeprägt sei die Zurückhaltung im Osten, wo acht Prozent weniger Lehrlinge eingestellt wurden.In den alten Ländern betrug der Rückgang 0,5 Prozent.Der Handwerkspräsident geht aber davon aus, daß bis Jahresende insgesamt 220 000 Ausbildungsverträge abgeschlossen werden.Das entspräche ungefähr dem Niveau des Vorjahres.Gegenwärtig seien noch zahlreiche Ausbildungsplätze frei, auch in beliebten Berufen wie Kfz-Mechaniker oder Elektroinstallateur.Das größte Problem der Betriebe sei es oft, geeignete Bewerber zu finden.Benötigt würden engagierte und fähige Lehrlinge, "die vor allem ihre Lehrstelle auch antreten".Andere Hindernisse bei der Bereitstellung von Ausbildungsstellen sind nach den Worten Philipps inzwischen beseitigt worden.So seien in vielen Bundesländern Fortschritte bei der Abstimmung zwischen Wirtschaft und Berufsschulen erreicht worden, die Ausbildungsvergütungen seien teilweise gekürzt worden und neue Ausbildungsordnungen in Kraft getreten.Allerdings müsse die Modernisierung der Handwerksberufe fortgeführt werden.Außerdem brauche das Handwerk eine Sicherung der Handwerksordnung einschließlich der Meisterprüfung.Damit sich die Diskussion um die Lehrstellen nicht jedes Jahr wiederhole, schlägt Philipp vor, Regierung, Verbände, Gewerkschaften und die Bundesanstalt für Arbeit sollten sich "an einen Tisch setzen", um Lösungen für die regionalen Probleme zu finden. In Berlin ist die Situation offenbar besser als in Ostdeutschland insgesamt.Nach Einschätzung des hiesigen Handwerkspräsidenten Hans-Dieter Blaese wird das Ausbildungsniveau von 1996 im laufenden Jahr gehalten.Im vergangenen Jahr stellte das Berliner Handwerk 22 600 Lehrstellen zur Verfügung."Trotz der schwierigen Situation sind die Ausbildungsbetriebe ihrer Verpflichtung nachgekommen", sagte Blaese am Dienstag auf Anfrage.Detaillierte Zahlen werde die Kammer jedoch erst zum Ende des Jahres vorlegen können, da die Daten der einzelnen Innungen abgewartet werden müssen.Blaese rät im übrigen noch nicht versorgten Jugendlichen dazu, sich direkt bei den Innungen nach Ausbildungsplätzen zu erkundigen.So gebe es noch freie Plätze im Nahrungsmittelhandwerk, zum Beispiel Bäcker, Fleischer, Koch.

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