Wirtschaft : "Das Image des Neuen Marktes hat den Tiefpunkt erreicht"

Herr Strenger[fünf Jahre nach seinem furiose]

Christian Strenger (58) ist Aufsichtsratsmitglied der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS und Experte für Kapitalmarktfragen. Seit Jahren kämpft der frühere DWS-Chef für Transparenz im Börsenhandel, den Schutz der Kleinanleger und für schärfere Kontrollen von Managern und Aufsichtsräten. Strenger gehört der vom Bundesfinanzminister eingesetzten Börsensachverständigenkommission an. Zudem arbeitete er an den Übernahmerichtlinien und am gerade verabschiedeten Verhaltenskodex für Vorstände und Aufsichtsräte (Corporate Governance) mit. Herr Strenger, fünf Jahre nach seinem furiosen Start liegt der Neue Markt der Frankfurter Börse völlig am Boden. Was nun?

Die Lage ist in der Tat ernüchternd. Wir sollten aber nicht übertreiben. Auch jetzt gibt es am Neuen Markt ganz erstklassige Unternehmen. Nehmen Sie Aixtron, Gericom oder Qiagen, solche Unternehmen sind erste Sahne. Also bitte ein differenziertes Urteil.

Abgestürzte Börsenkurse, Firmenpleiten, betrogene Anleger - ein katastrophales Image. Wie wollen Sie den Neuen Markt retten?

Beim Image ist der Tiefpunkt erreicht. Der Neue Markt ist ja nur noch als Zockerbude verschrieen.

Dann sollte man das Börsensegment doch ganz abschaffen.

Nein. Es gibt keine bessere Lösung, und es wäre auch genau das falsche Signal. Denn wir brauchen dringend diesen Markt als Finanzierungsinstrument für Wachstumsfirmen. Die können ihren hohen Kapitalbedarf ja nicht nur über Bankkredite decken.

Aber weitermachen wie bisher geht doch auch nicht?

Wir müssen den Neuen Markt revitalisieren. Ich schlage vor, ihn aufzuspalten und Wachstumssegmente für einzelne Branchen zu bilden, also die Biotech-, Direktbanken- oder Telekom-Firmen zusammenzufassen. Dann lassen sich die Unternehmen auch besser vergleichen. Und das Ganze taufen wir dann "Wachstumsmarkt". Denn irgendwann wird "neu" eben doch "alt". Und der Neue Markt hat ja schon fünf Jahre auf dem Buckel.

Darüber schreiben wir dann künftig "Achtung Risiko"...

aber auch "besondere Chancen". Der Name Wachstumsmarkt ist auf jeden Fall ehrlicher und lässt Anleger nicht im Unklaren, was sie zu erwarten haben.

Was halten Sie von dem Vorschlag, analog zum Deutschen Aktienindex (Dax) auch einen Index mit den Schwergewichten, also einen Nemax 30, zu bilden?

Wenn dadurch die Vorzeigeunternehmen noch klarer positioniert werden, kann das auch ein Weg sein. Hauptsache die Qualitätsauswahl findet statt.

Der Neue Markt ist eine privatrechtliche Veranstaltung der Deutschen Börse. Wäre ein Amtlicher Handel für die Wachstumsaktien nicht besser?

Gerade weil es keine öffentliche Börse ist, liegt darin doch eine große Chance, schnell etwas zu ändern. Im Amtlichen Handel hat die Börse doch Probleme, Firmenleichen wie Bremer Vulkan oder Escom loszuwerden.

Was empfehlen Sie als Sofortmaßnahmen?

Zum Thema Online Spezial: New Economy Erstens: Vor der Zulassung an der Börse muss der Kandidat die Bestätigung eines renommierten Wirtschaftsprüfers vorlegen, dass er ein funktionsfähiges Controlling und Rechnungswesen hat. Zweitens: Der Aufsichtsrat muss kompetent besetzt sein und darf nicht aus der Ehefrau, dem langjährigen Tennispartner oder dem Haus- und Hof-Syndikus bestehen. Die meist jungen Firmen brauchen eine wirksame Kontrolle und Begleitung durch kompetente Ratgeber. Drittens: Die Geschäftsmodelle dürfen keine Fantastereien, sondern müssen realistisch und belastbar sein. Schwarze Zahlen müssen die Anleger in absehbarer Zeit erwarten können. Viertens: Realistische Darstellung nach außen, keine Märchen erzählen. So muss der Missbrauch der Pflichtmitteilungen zu Werbezwecken aufhören.

Wie wollen Sie das durchsetzen?

Der Finanzmarkt wird nichts anderes mehr akzeptieren. Und die Deutsche Börse hat eingesehen, dass sie ihre Regeln deutlich verschärfen muss.

Sehr wirkungsvoll wäre doch die Drohung, Firmen, die sich nicht an die Regeln halten, aus dem Neuen Markt hinauszuwerfen?

Richtig. Die Kandidaten, die immer wieder falsche Geschäftsprognosen und vielleicht noch schlimmere Fehler machen, sollten ausgeschlossen werden. Das bereinigt den Markt um die schwarzen Schafe und schafft wieder Vertrauen in die soliden Unternehmen. Man sollte keinem Rechtsstreit um den Ausschluss vom Neuen Markt aus dem Wege gehen, wenn das Unternehmen kurz vor der Pleite steht und gegen alle guten Sitten verstoßen hat.

Sollten auch die Rechte der Kleinaktionäre gestärkt werden?

Unbedingt. Im Vierten Finanzmarkt-Förderungsgesetz, das die Bundesregierung gerade vorbereitet, sind erstmals Klagemöglichkeiten für Aktionäre vorgesehen - aber nur gegen falsche Ad-hoc-Mitteilungen der Aktiengesellschaften. Außerdem können die Ansprüche nur gegen das Unternehmen, nicht aber gegen Personen geltend gemacht werden.

Das reicht Ihnen nicht als Schutz der Anleger?

Wir brauchen eine direkte Verantwortung von Vorstand und Aufsichtsrat. Das gilt nicht nur für Wachstumsfirmen, sondern für alle Aktiengesellschaften. Es zwickt nur dann, wenn verantwortliche Personen Angst haben müssen, dass sie selber drankommen. Das hat der deutsche Gesetzgeber derzeit noch nicht drauf. All das nutzt aber wenig, wenn bei den Staatsanwaltschaften und Gerichten kein Sachverstand sitzt. Da ist dann ein Handelsrichter, der vielleicht noch nie mit einer Aktie gehandelt hat. Vor Gericht muss es künftig professioneller und auch schneller zugehen. Das beste wäre es, in jedem Bundesland Schwerpunkte an den Gerichten zu bilden.

Ist der Neue Markt eine grundlegende Fehlkonstruktion?

Nein. Vor fünf Jahren war das eine wichtige Initiative, um die Wachtumsqualität der deutschen Wirtschaft deutlich zu machen. Um dieses Börsensegment aber ins Rollen zu bringen, sind auch Unternehmen mit reingerutscht, die da nicht hingehörten. Ich denke beispielsweise an den Seniorenheimbetreiber Refugium, der inzwischen wieder verschwunden ist. Aber man muss auch einen gewissen Mut zur Lücke haben.

Lückenhaft waren ja wohl auch die Bedingungen zur Aufnahme am Neuen Markt.

Die Börse hat durchaus anspruchsvolle Bedingungen festgelegt: regelmäßige Publizität, Quartalsberichte, internationale Rechnungslegung. Das war sicher nicht einfach für die Kandidaten. Dennoch fanden sich viele Unternehmen, die sich den scharfen Regularien unterworfen haben.

Das hat nichts genutzt, wie Pleiten, Pech und Pannen gerade am Neuen Markt zeigen.

Später ist versäumt worden, die Regeln den Erfahrungen anzupassen. Zahlreiche Unternehmen schafften es nicht, ein funktionsfähiges Rechnungswesen und Controlling auf die Beine zu stellen. Das hätte man erkennen müssen.

Und warum hat niemand reagiert?

Im Überschwang der Gefühle haben da viele nicht genau hingesehen. Die New Economy boomte, Kapital für Wachstumsfirmen schien ohne Ende verfügbar zu sein. Weltweit gab es doch eine unglaubliche Technologiegläubigkeit. Das ging damals oft nach dem Motto "mit Schwung hinein, mal sehen, ob wir das schaffen". Kontrolle gab es dann zu wenig.

Welche Verantwortung trägt denn die Deutsche Börse als Veranstalterin des Neuen Marktes?

Die Börse hat zweifellos gut angefangen. Doch bei der Anpassung des Regelwerkes und der Kontrolle der Spielbedingungen hätte die Börse effizienter und härter sein müssen. Letztlich hat sich auch die gesamte Anlegerschaft, Professionelle wie Private, von der Euphorie mitreißen lassen. Das hat den Blick für die Realitäten verstellt.

Zum Schluss der Tip des Profis: Sollen Kleinaktionäre die Finger vom Neuen Markt lassen?

Wer nur wenig investieren kann, ist mit einem risikogestreuten Fonds besser beraten. Wer aber schon über ein breiteres Sortiment an Wertpapieren und etwas Erfahrung verfügt, könnte durchaus mit bis zu zehn Prozent seines Kapitals bei erstklassigen Aktien einsteigen. Es gilt die alte Börsenweisheit: Qualität kaufen, wenn die Kurse im Keller sind.

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