Wirtschaft : „Das Internet macht mich glücklich“

Web.de-Gründer Michael Greve über zehn Jahre Internetgeschäfte, Online-Kommunikation mit Combots und das Glück im Netz

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Herr Greve, Sie und Ihr Bruder haben 2005 das Internetportal Web.de für 330 Millionen Euro verkauft. Warum haben Sie sich keine Insel gekauft und zur Ruhe gesetzt?

Darüber habe ich nicht einmal nachgedacht. Ich bin mit Leidenschaft Unternehmer und will es bleiben. Wir haben ein neues, faszinierendes Produkt, das wir auf den Markt bringen wollen. Was soll ich auf einer Insel?

Sie gehen das größte Risiko ein: Ein funktionierendes Geschäft und eine der bekanntesten Marken im deutschsprachigen Netz haben Sie verkauft, um mit einem unbekannten Produkt neu zu starten. Warum?

Das Risiko hält sich in Grenzen weil wir einen überragend guten Preis für Web.de erzielt haben. Kaufmännisch betrachtet haben wir eine Ware – in diesem Fall ein Internetportal – zu einem extrem guten Preis verkauft. Das machen andere Unternehmen auch. Jetzt haben wir Geld …

…450 Millionen Euro an Barmitteln und Aktien…

…das wir nach und nach investieren.

Warum stecken Sie so viel Energie und Geld in das Internet? Was ist so faszinierend an der digitalen Wirtschaft?

Mein Bruder und ich haben uns früh für die Technologie interessiert. Mein erster Internetrechner hatte eine nach heutigem Standard extrem langsame Leitung zur Uni Karlsruhe und wir konnten nur ein paar Grafiken und Bilder sehen. Sonst gab es nichts. Aber, wow! Unser Bauchgefühl sagte: Das wird die Zukunft. Deshalb haben wir ein Unternehmen gegründet, das sich auf das Internet konzentriert.

Viele Internet-Start-ups haben das auch versucht und sind gescheitert. Warum haben Sie überlebt?

Wir waren nicht New Economy. Wir haben einfach ein solides Geschäft aufgebaut. Das gilt nicht nur für Web.de, das aus unserer ersten Firma Cinetic hervorgegangen ist, sondern auch für die Reisedienste Lastminute.de und Flug.de, die wir später erfolgreich verkauft haben.

Das scheint ein Muster für erfolgreiche Internetunternehmer zu sein: eine Idee haben, eine Firma gründen, profitabel werden – und dann möglichst teuer verkaufen.

Das Geschäft ist schnell, weil sich die Technologie rasend schnell entwickelt. Wenn man in diesem Markt etwas bewegen will, muss man sich auf eine Sache konzentrieren. Natürlich kann man laufende Geschäfte auch weiter betreiben und damit guten Profit erwirtschaften. Aber das bindet Kreativität und hindert einen daran, die neuen Dinge zu machen.

Viele Unternehmen machen wieder viele neue Dinge im Netz, die sich sogar rechnen. Rollt die zweite Welle der New Economy?

Ich weiß nicht, ob da eine Welle rollt. Es ist ganz einfach: Das Internet ist Teil unseres täglichen Lebens geworden. Deshalb kann man vernünftige Geschäfte damit machen. Und die Nutzer fragen nach klaren, einfachen Anwendungen.

Und deshalb braucht die Welt Combots, Ihren neuen Dienst für die digitale Kommunikation?

Ja, weil digitales Kommunizieren im persönlichen Umfeld extrem kompliziert geworden ist. Es gibt viele verschiedene Anwendungen – E-Mail, SMS, Instant Messaging, Handys –, die nur noch ein Techniker sinnvoll verbinden kann. Dem Normalnutzer macht das keinen Spaß mehr.

Dafür sorgt jetzt Combots?

Combots ist einfach und viel leistungsfähiger als herkömmliche Anwendungen. Und wir führen eine Komponente ein, die zu kurz kommt in der persönlichen Kommunikation: Emotionen und Spaß.

Aber die bekannten Dienste funktionieren doch. Wir alle nutzen E-Mails, mobile Geräte und Messenger ohne Schwierigkeiten.

Stimmt, die Dienste funktionieren in Einzelanwendungen. Aber funktionieren sie gut? Versuchen Sie mal 100 nicht komprimierte Fotos elektronisch zu verschicken. Oder haben Sie schon mal E-Mails mit dem Handy verschickt? Bevor es Google gab, haben auch alle gefragt, ob man eine neue Suchmaschine braucht. Und vor dem iPod gab es auch schon MP3-Player.

Sie treten an, um Weltmarktführer zu werden. Das Ziel haben andere auch – mit größeren finanziellen Ressourcen.

Das glaube ich nicht. Google hat die größte Suchmaschine, Ebay das größte Auktionshaus, Amazon den größten Einzelhandel – Combots tritt an, die größte Plattform für persönliche digitale Kommunikation zu werden. Das Segment ist noch nicht mit einem Marktführer belegt.

Wann wollen Sie am Ziel sein?

Wir haben uns vor drei Jahren zehn Jahre Zeit gegeben.

Dann bleibt noch viel zu tun. Im ersten Halbjahr 2006 hat Combots einen Verlust vor Steuern von 15,1 Millionen Euro gemacht, ohne einen Euro Umsatz zu erwirtschaften. Das klingt wie zu den besten Zeiten der New Economy, oder?

Unser Dienst kommt ja erst am 1. September auf den Markt, deshalb konnten wir noch keinen Umsatz erzielen. Das wird sich im zweiten Halbjahr ändern. Das Ergebnis ist geprägt von intensiven Investitionen in Forschung, Entwicklung, Mitarbeiter und technische Infrastruktur.

Sie glauben an die Idee, dass die Nutzer freiwillig zahlen, nachdem sie den Dienst kostenlos getestet haben – solange sie wollen. Was passiert, wenn niemand zahlt?

Es wird bezahlt, da sind wir uns ganz sicher. Musikplattformen oder das Geschäft mit Klingeltönen zeigen, dass die Leute nicht alles umsonst im Internet haben wollen. Und wir haben zwei Erlösströme, die monatliche Abo-Gebühr sowie die Einzelverkäufe von Characters und Emotions.

Wie vermarktet man ein Produkt, das niemand kennt?

Auf zwei Wegen: Zum einen soll sich Combots über Mund-zu-Mund-Propaganda verbreiten, indem sich Freunde gegenseitig einladen. Zum anderen werden starke Partner, wie in Deutschland United Internet, Combots ihren Kunden anbieten. Damit erreichen wir alleine im Heimatmarkt auf einen Schlag 15 Millionen Menschen.

Wie viel geben Sie für das Marketing aus?

Wir werden im Vergleich zur klassischen Telekombranche fast nichts für klassisches Marketing und Werbung ausgeben. Wir setzen unter anderem auf Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Macht Sie das Internet eigentlich glücklich?

Ja, es ist kein Tag vergangen, an dem es nicht einen Glücksmoment gegeben hat.

Das Gespräch führte Henrik Mortsiefer

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