Wirtschaft : Das Internet verschärft den Wettbewerb der Finanzplätze

UDO RHETTBERG (HB)

BOCA RATON .Welche Anforderungen stellen Marktteilnehmer heute an die Börse von morgen? Mit dieser Frage beschäftigten sich unlängst Delegierte von Finanzhäusern und Terminbörsen während des von der amerikanischen Futures Industry Association (FIA) organisierten größten Terminbörsen-Treffens der Welt.Top-Manager von Brokerhäusern legten dabei eine kurze, aber sehr prägnante Wunschliste vor: Die Börse des nächsten Millenniums müsse über 24 Stunden hinweg einen gleichberechtigten Zugang für alle Marktteilnehmer bieten.Sie müsse sich darüber hinaus als ein globaler Markt mit weltweit gültigem Regelwerk und grenzüberschreitendem Handel präsentieren.

Die Frage nach der idealen Börse der Zukunft könne nur dann beantwortet werden, wenn man zuvor die Frage nach dem Erfolgsgeheimnis von Börsen allgemein kläre, glaubt Barry J.Lind, Chairman des Finanzhauses Lind-Waldock & Co.Vor allem vier Faktoren sind nach Auffassung von Lind für den anhaltenden Boom an den Terminbörsen ursächlich: Zum einen die seit Jahren sehr hohe Volatilität - das Ausmaß der Kursschwankungen - und zum anderen die Liquidität der Märkte.Nur in liquiden Märkten könnten aufgebaute Positionen wieder problemlos geschlossen werden, ohne die Kurse nachhaltig in die eine oder andere Richtung zu bewegen.Darüber hinaus sei es für die Marktteilnehmer von großer Bedeutung, eine faire Ausführung ihrer Order zu erhalten.Und nicht zuletzt sei die Frage der kostengünstigen Abwicklung der Aufträge von großem Interesse.

In vielen dieser Punkte biete die elektronische Börse heute eindeutige Vorteile.Kathryn J.Meyer vom Brokerhaus Refco Inc.ist davon überzeugt, daß Börsen, Handelshäuser und Aufsichtsbehörden durch die auf technischem Gebiet erzielten Fortschritte weiter unter Zugzwang geraten würden, in Zukunft noch enger zusammenzuarbeiten.Durch solche Kooperationen könnten dann auf mittlere Sicht neue globale Handelssysteme entstehen.

"Das Internet wird die Finanzmärkte in Zukunft dominieren", prognostiziert A.Carver Wickman, für das weltweite Derivategeschäft zuständiger Direktor bei Goldman Sachs.Dieses revolutionäre Medium werde nicht nur als Informations-Plattform, sondern vor allem auch bei der raschen und kostengünstigen Abwicklung von Geschäften von sich reden machen.Durch das gigantische Wachstum des Internets werde der Begriff Börse nochmals völlig neu definiert werden müssen, warnt Wickman die Börsen davor, das Internet als Konkurrenten zu unterschätzen.Auch wenn derzeit im Hinblick auf die Nutzung des Internets noch rechtlich, sicherheitsmäßig und auch technisch Bedenken bestehen.

Führende Vertreter europäischer Terminbörsen sehen zudem Konkurrenzdruck von anderer Seite: Schließlich sei es unabhängigen Systemhäusern bereits heute sehr leicht möglich, für die "großen Spieler" an den Märkten oder für Informationsanbieter kostengünstig weltumspannende virtuelle Handelssysteme zu entwickeln.

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