Wirtschaft : „Das ist der Preis für die Währungsunion“

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Herr Hombrecher, überrascht Sie die Entscheidung der Europäischen Zentralbank, die Zinsen nicht zu senken?

Nein, ich habe zu diesem Zeitpunkt nicht damit gerechnet. Ein solcher Schritt ist nicht vorbereitet worden, weder im letzten Monatsbericht der EZB noch durch Äußerungen von EZBRatsmitgliedern. Für Dezember rechne ich allerdings mit einer Senkung.

Die US-Notenbank hat am Mittwoch ziemlich deutlich den Zinssatz reduziert. Weshalb sind die Europäer den USA nicht gefolgt?

Die EZB verfolgt eine Zwei-Säulen-Strategie. Bei der Geldmenge geht die Entwicklung kräftig nach oben – entgegen den Zielen der EZB. Und auch der Preisanstieg im Euroraum wird in diesem Jahr im Durchschnitt über zwei Prozent liegen. Damit verfehlt die EZB das dritte Jahr in Folge ihr Ziel.

In Deutschland ist der Preisanstieg deutlich unter zwei Prozent.

Wir haben uns angewöhnt, die Entscheidungen der EZB aus deutscher Sicht zu bewerten. Sie macht jedoch eine Geldpolitik für den gesamten Euroraum. Und da gibt es eine Reihe von Ländern – wie die Niederlande, Irland, Spanien oder Portugal – in denen die Inflationsrate zwischen 3,5 und 4,5 Prozent liegt. Für diese Länder ist der reale Zinssatz also sogar negativ.

Was wäre, wenn heute noch die Bundesbank für Deutschland allein entscheiden würde?

Der Zinssatz wäre vermutlich deutlich niedriger. Das aktuelle Niveau ist der Preis, den wir für die Währungsunion zahlen müssen.

Was bedeutet die EZB-Entscheidung für die Konjunktur?

Kurzfristig kann eine Zinssenkung ohnehin nichts bewirken. Und: Grund für die aktuelle Schwäche sind nicht zu hohe Zinsen, sondern die Verunsicherung durch die Börsenbaisse und den Irakkonflikt. Bis zum Jahresende wird sich das auflösen – so oder so.

Im nächsten Jahr kommt also der Aufschwung?

Für uns gleichen vor allem die USA bei dem aktuellen Zinsniveau einem Auto mit durchgetretenem Gaspedal und angezogener Handbremse. Verschwinden die Unsicherheiten, startet die US-Konjunktur durch.

Welche Rolle hat die Diskussion über den Euro-Stabilitätspakt bei der EZB-Entscheidung gespielt?

Keine. Die EZB lässt sich von der Politik nicht unter Druck setzen.

Das Gespräch führte Bernd Hops.

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