Wirtschaft : Das IWF-Imperium schlägt zurück

CHRISTOPHER WOOD

Der Fonds will seine Autorität nicht vom Currency Board Indonesiens untergraben lassen / Doch die Zeit des IWF ist abgelaufenVON CHRISTOPHER WOODDer Internationale Währungsfonds (IWF) hat auf die indonesischen Pläne eines radikalen Currency Board äußerst aggressiv reagiert.Dies spiegelt das defensive Verhalten einer Institution wider, die unter Beschuß ist.Doch einmal in die Ecke gedrängt, zeigt das Rudel seine Klauen.Der IWF ist ein Kind der Bretton Woods Ära.Das war eine Zeit, als man noch daran glaubte, daß sich die Volkswirtschaften von rationalen Planern steuern ließen.Doch der Glaube an die Wirtschaftsplanung ist schon lange geschwunden.Die von Reagan und Thatcher ausgelösten Revolutionen haben bewiesen: Die Preissignale, die der Markt aussendet, führen zu einer wesentlich besseren Verteilung der knappen Güter als die willkürlichen Entscheidungen der Elite-Bürokraten.Zurecht fielen die pseudo-wissenschaftlichen, mechanistischen ökonometrischen Modelle in Ungnade.Heute wird der Wirklichkeit wieder mehr Beachtung geschenkt.Denn selbst wenn die Modelle an sich in Ordnung waren: Sie sind abhängig von den eingegebenen Daten - und wo Schrott eingegeben wird, kommt auch Schrott heraus.Deshalb waren es nicht die Analysten mit ihren Betrachtungen vergangener Wirtschaftszyklen, die die Asienkrise vorhergesagt haben.Nein, es waren die Leute mit genügend gesundem Menschenverstand.Sie waren es, die ob des nie dagewesenen Kreditwachstums Alarm schlugen.Sicher, alte Mechanismen in Frage zu stellen, ist ein Fortschritt.Doch es gibt noch einen Bereich, in dem der Glaube an den IWF absolut bleibt - sogar unter den sonst so zynischen Händlern.Es ist die Glaubwürdigkeit der Zentralbanker als die unangefochtenen weisen Männer der Finanzwelt.Angesichts ihrer Leistungen ist dies sehr erstaunlich.Für die Eindämmung der Inflation haben die Zentralbanker in den vergangenen Jahren viele Lorbeeren eingeheimst.Tatsächlich aber wurde ihre Rolle weit übertrieben.Denn eine hohe Inflation, wie wir sie zu Zeiten des Kalten Kriegs erlebt haben, hat noch immer eine große Deflation nach sich gezogen.Der Grund dafür ist, daß der kreditfinanzierte Investitionsboom riesige Überkapazitäten aufbaut.Genau das passiert momentan.Es kommt allerdings noch erschwerend hinzu, daß die Banken den Zeitraum künstlich verlängern, weil sie mit geringen Sicherheiten zufrieden sind.Pleiten werden also hinausgezögert; deshalb konnte man in den vergangenen sieben Jahren der Entwicklung der Deflation in Japan - wie der Farbe beim Trocknen - zugucken.Die Zentralbanker sollte man deshalb nur als Reiter auf den Wellen der Geschichte betrachten.Sie sind heute vor allem deshalb "wichtig", weil die Finanzmärkte noch immer glauben, sie seien wichtig.Genauso wie die Finanzmärkte früher annahmen, die Geldmengenstatistik sei bedeutsam.Die Notenbanken haben jedoch nur am Rande Einfluß.Denken wir nur an die vielgepriesenen Manipulationen der kurzfristigen Zinssätze.Hat das wirklich zum Zusammenbruch des Inflationsdrucks in den USA geführt? Kaum.Viel wichtiger war die Rolle der Anleihe-Märkte.Dort haben die Anleger eine hohe reale Rendite eingefordert, weil sie sich an die hohen Verluste der 70er Jahre erinnert haben.Wenn hohe reale Zinssätze im langfristigen Bereich über längere Zeit stabil bleiben, ist es nur natürlich, daß der Inflationsdruck nachläßt.Ein Wiederaufflammen ist nur dann wahrscheinlich, wenn die Anleger sich dessen nicht mehr bewußt sind und keine hohen realen Rückflüsse mehr einfordern.Ein anderes zweifelhaftes Glaubensbekenntnis ist die Behauptung, daß die Zentralbanker Deflation einfach mit der Notenpresse bekämpfen könnten.Diese Vorstellung wurde Generationen von Ökonomiestudenten eingehämmert.Die große Depression der 30er Jahre, so lautet die fast schon zum Allgemeingut gehörende Überzeugung, hätte verhindert werden können, wenn die US-Notenbank Geld gedruckt hätte.Aus dieser falschen Annahme stammt die vorherrschende Meinung, daß Offenmarktgeschäfte - das heißt, wenn die Zentralbanken frisch gedrucktes Geld dazu benutzen, Staatspapiere von den Banken kaufen - alle Übel beseitigen.Dieser mechanistische Monetarismus spiegelt einen bemerkenswerten Glauben in die Fähigkeit der Notenpresse wider.Man geht davon aus, langfristigen zyklischen Kräften entgegensteuern zu können.Das ist historisch genauso naiv wie das mittlerweile in Ungnade gefallene keynesianische Dogma, nach dem man sich den Weg aus der Krise mit dem sogenannten Deficit-Spending erkaufen kann - eine Tatsache, die Japan jetzt nach unzähligen Hilfspaketen während der 90er Jahre zu begreifen scheint.Was hat all das nun mit Indonesien und seinem Currency Board zu tun? Sehr viel.Der IWF ist ein Produkt der modernen Zentralbanktradition.In gewisser Hinsicht ist er sogar die Zentralbank der Zentralbanken.Deshalb ist der Fonds auch die wirkliche Quelle des Übels.Daß er mit einem Currency Board nicht glücklich ist, ist nur allzu verständlich.Denn unter einem reinen Currency-Board-Regime gibt es keinen Platz für eine Zentralbank.Die wachsende Begeisterung für Currency Boards für reformorientierte Länder ist deshalb eine direkte Herausforderung für die institutionelle Vorherrschaft des IWF.Sie untergräbt letztlich sogar die Daseinsberechtigung des Fonds und macht ihn völlig unnötig.Das Ärgerliche für die IWF-Bürokraten ist, daß das nicht der einzige Trend ist, der gegen sie läuft.Die steigende Akzeptanz von Currency Boards spiegelt die wachsende Anerkennung einer vollendeten Tatsache wider - nämlich der vorherrschende Trend der Dollarisierung von Entwicklungsländern.Die Annahme eines Currency Board bedeutet - allerdings nur indirekt - die Dollarisierung einer Volkswirtschaft und die Kapitulation einer unabhängigen Geldpolitik.Von diesem Gesichtspunkt aus bewegen sich die aufstrebenden Märkte zurück ins späte 19.Jahrhundert mit seinem Goldstandard.Dieser Trend ist nur willkommen zu heißen.In ihrer Wirtschaftspolitik haben die Regierungen nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie lassen ihre Währung frei schwanken und kontrollieren die Geldmenge, oder sie klammern die Währung an einen Anker wie den Dollar und lassen die Zahlungsbilanz bestimmen, wie die Liquidität fließt.Wer beides versucht, also versucht, Geldmenge und Wechselkurs gleichzeitig zu steuern, endet in der Regel im Desaster.In einem perfekten Umfeld mögen freie Wechselkurse theoretisch sinnvoll sein.Aber im Umfeld der aufstrebenden Märkte sind sie verwundbar durch die Kontrolle, die Politiker über die Zentralbank haben (wie das Beispiel Indonesien zeigt).Die Versuchung ist eben die Notenpresse.Deshalb sollten Currency Boards in den Kontext der aufstrebenden Märkte eingebunden werden.Das ist vor allem in Asien nötig, wo eine falsche Kreditvergabe viel zu der gegenwärtigen Krise beigetragen hat.Die Nachrichten aus Jakarta zeigen, daß der IWF und seine Handlanger erfolgreich waren.Die Aussicht auf ein Currency Board wurde zerstört.Wenn die Neuigkeiten tatsächlich stimmen, ist das zu bedauern.Indonesien bewegt sich momentan auf des Messers Schneide.Die erfolgreiche Einführung eines Currency Board könnte nicht nur die Aussichten für dieses dichtbevölkerte Land dramatisch verbessern, sie könnte der ganzen asiatischen Region helfen.Ein Scheitern dagegen wird katastrophale Folgen haben.Die Antwort des Internationalen Währungsfonds auf diese Initiative hätte viel konkreter ausfallen müssen.Deshalb fällt es so schwer, zwei unangenehme Schlüsse nicht zu ziehen: Erstens, daß der Fonds das eigene Überleben vor den wirtschaftlichen Erfolg in Asien gestellt hat.Zweitens, daß die IWF-Führung den Currency Board deshalb ablehnte, weil sie darüber pikiert war, nicht als erstes konsultiert worden zu sein.Merke: Gehaßt zu werden kann schmeichelhaft sein, ignoriert zu werden dagegen ist beleidigend. Christopher Wood ist "Asian Investment Strategist" und Autor des Buches "The Bubble Economy".Übersetzt, redigiert und gekürzt von Joachim Hofer (IWF), Daniel Wetzel (Opel, Irak) und Markus Hesselmann (Britisches Königshaus).

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