Wirtschaft : Das Karussell der Favoriten dreht sich regelmäßig

Kathrin Quandt

Der Dreh hat System. Wann ein Sektor stärker steigt oder deutlicher fällt als der übrige Markt, ist das kein Zufall; hinter diesen Schwankungen steckt ein Muster. Das haben die Aktienmarktspezialisten von Warburg Dillon Read jetzt festgestellt. Sie haben ein Branchen-Rotationsmodell entwickelt, das die Kursentwicklung der 19 Branchen im rund 600 Werte umfassenden europäischen Marktbarometer Dow Jones Stoxx untersucht.

Dabei haben sie herausgefunden, dass sich Perioden, in denen der Aktienkurs bestimmter Branchen über dem Marktdurchschitt liegt abwechseln mit Perioden, in denen der Kurswert unter dem Marktdurchschnitt liegt. Der Umschwung erfolgt jeweils nach drei Halbjahren.

Folgt man der Theorie, sollten Medienwerte und Technologieaktien, die in den vergangenen zwei Halbjahren stärker als das europäische Marktbarometer gestiegen sind, in Zukunft mit Vorsicht genossen werden. Automobile, Banken und Finanzdienstleister, Nahrungsmittel und Versicherungen, die in den vergangenen drei Halbjahren unter dem Marktdurchschnitt lagen, wären umgekehrt Kandidaten für Kursgewinne.

Werner Humpert von Warburg Dillon Read betont, dass es keinen regelrechten Automatismus der Kursentwicklung gebe. Anleger könnten allerdings davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine gut gelaufene Branche in näherer Zukunft nachgeben werde, hoch sei. Als Beispiel nannte er Telekom- und Technologiewerte, die nach dem Modell tendenziell überkauft seien. "Eine Zeit lang könnte der Höhenflug noch weitergehen, aber dann könnte die Branche kippen", warnt der Banker. Wer aus dem Sektor-Rotationsmodell Lehren zieht, sollte sich klar über die Annahmen sein, auf denen es basiert. "Der europäische Aktienmarkt wird nach Sektoren untersucht, nicht nach Staaten", erklärt Alexander Ineichen, Leiter des europäischen Aktienderivate-Researchs bei Warburg Dillon Read. Die Banker gingen davon aus, dass Firmen innerhalb einer europäischen Branche ähnlichen Bedingungen ausgesetzt sind. Denn die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen glichen sich in Europa immer mehr an.

Außerdem liegt dem Rotationsmodell das sogenannte "Mean Reversion"-Phänomen zu Grunde. In Bezug auf einzelne Aktien besagt es: Jeder Titel pendelt langfristig um seinen idealen inneren Wert. "Das gilt auch für die Branchen", erklärt Humpert. Nach einer Phase der Kursentwicklung unterhalb oder oberhalb des Marktdurchschnitts kehrten alle Sektoren mittelfristig wieder auf den Trend des Gesamtmarktes zurück. "Das heißt aber nicht, dass nach zehn Jahren alle Branchen gleich stark gestiegen sind", warnt Humpert. Nur die Trends seien dieselben.

Es geht dabei auch um die Frage, ob Märkte effizient sind. Die Banker kommen zu dem Schluss: Mittel- bis langfristig ist das der Fall. Zeitweise kann es aber Unter- oder Übertreibungen geben, etwa dann, wenn Fusionsgerüchte eine Branche über Gebühr hochziehen. "Solche Wachstumsphasen dauern in der Regel zwischen drei und sechs Monate", sagt Humpert, "bei Substanzwerten zwischen sechs und zwölf Monaten." Danach habe der Markt die Neuigkeiten verdaut.

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