Wirtschaft : Das Kloster als Unternehmen: Sie verdienen nicht nur Almosen

Hannah Wilhelm

Ora et labora - bete und arbeite. Ein uralter Grundsatz, der in den Benediktinerklöstern bis heute gilt. Genauso wie die Regel, die der heilige Benedikt von Nursia vor rund 1500 Jahren niedergeschrieben hat. Es ist ein kleines Büchlein, ein Kodex mit praktischen Verhaltensregeln, die das Zusammenleben in einem Kloster ordnen sollen. Ziel ist es auch, den Benediktinerklöstern Unabhängigkeit von ihrer Umwelt zu garantieren. Die Mönche sollten von "ihrer Hände Arbeit" leben und mit ihrer Arbeit Gott verehren. Mit diesem Grundsatz sind Klöster zu erfolgreichen Unternehmen geworden. Und heutzutage achten moderne Führungskräfte die Regel des Benedikt als wirkungsvolle Managementrichtlinien.

Äpfel, Gemüse, Bücher, Kerzen und natürlich Bier. Ziemlich lang ist die Liste der Produkte aus klösterlicher Produktion. Und sie kommen gut an - so gut, dass der Versandhandel Manufactum nun einen eigenen Katalog mit Klosterprodukten herausgebracht hat: "Gutes aus Klöstern." Die Klöster stehen mit ihrem Namen für hohe Qualität. "Die Regel des Benedikts verpflichtet uns dazu, nur mit umweltfreundlichen Produktionsmethoden und optimaler Qualität zu produzieren", erklärt ein Benediktinermönch.

Hinzu kommt, dass die Produkte jeweils eine eigene Geschichte haben, die die Menschen oft fasziniert. Bestes Beispiel dafür ist das Doppelbock-Bier des bayerischen Klosters Andechs, das zur Abtei St. Bonifaz in München gehört. Früher wurde das Fastenbier auch an die Wallfahrer ausgeschenkt - denn die Regel verlangt Gastfreundschaft: "Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus." Heute kommen jährlich über eine Million Besucher nach Andechs - nicht als Wallfahrer, sondern um das Kloster zu besichtigen und um das berühmte Bier zu kosten.

Weise, reif und nüchtern

Für den wirtschaftlichen Erfolg des Klosters ist in erster Linie der Mönch zuständig, der das Amt des Cellerars innehat. "Als Cellerar werde aus der Gemeinschaft ein Bruder ausgewählt, der weise ist, reifen Charakters und nüchtern. Er sei nicht maßlos im Essen, nicht überheblich, nicht stürmisch, nicht verletzend, nicht umständlich und nicht verschwenderisch", bestimmt die Regel. "Er trage Sorge für alles." Es ist nichts anderes als ein Manager.

Der wohl bekannteste Cellerar Deutschlands ist Pater Anselm Bilgri vom Kloster Andechs. Er hat das Kloster, das von 20 Mönchen bewohnt wird, berühmt gemacht - unter anderem, weil er die Berührung mit der Öffentlichkeit nicht scheute. Pater Anselm verwaltet eine Klosterbrauerei, drei Gaststätten und eine Veranstaltungs GmbH. Er beschäftigt insgesamt rund 200 weltliche Angestellte. Das klingt nach einem normalen mittelständischen Unternehmen. Doch es wird ja nicht nur gearbeitet - sondern auch gebetet, so will es die Regel, aus der Tag für Tag häufig beim Mittagessen vorgelesen wird.

Regelmäßig und mehrmals am Tag wird in der Gemeinschaft gebetet und in der Bibel gelesen. Das ist dann die Zeit, in der sich die Mönche nicht ums Wirtschaften kümmern können. Einschränkungen ergeben sich auch aus dem Konflikt zwischen der Bindung zu Gott und der Bindung zum Kunden. So können sich die Besucher in Andechs zwar an dem großen Parkplatz und dem guten Bier erfreuen - doch die Kundenfreundlichkeit hat ihre Grenzen: Am Wochenende, wenn die meisten Besucher zum Kloster strömen, wird kein Doppelbock ausgeschänkt. Und unter der Woche ist das Bräustüberl auch nur bis 21 Uhr geöffnet. "Das ist natürlich erst mal nicht im Sinne des kommerziellen Erfolgs. Aber es produziert eine Authentizität. Hier sieht man, dass die Beschränkung von kommerziellen Interessen für den Markt förderlich sein kann", erklärt Michael Schramm, Autor des Buches "Das Gottesunternehmen" und Professor an der Universität Stuttgart-Hohenheim.

Und was das Kloster noch zu einem besonderen Unternehmen macht: Das erwirtschaftete Geld fließt nicht auf Konten oder in die Taschen von Managern. Alles das, was nach der Versorgung der Mönche und der Reinvestition in die Klosterunternehmen noch übrig bleibt, wird für soziale Zwecke ausgegeben. So finanzieren die Abtei St. Bonifaz und das Kloster Andechs in München einen Teil der Obdachlosenarbeit. Sie versorgen um die 200 Obdachlose täglich mit Essen, unterhalten eine Arztpraxis und haben gerade in der bayerischen Landeshauptstadt ein Haus für die Obdachlosenarbeit und ein Jugendhaus gebaut.

Allen guten Zwecken zum Trotz, regen sich auch Widerstände gegen das Wirtschaften der Benediktinerklöster innerhalb der Kirche. "Es gibt Leute, die möchten, dass sich die Kirche nur an Gott orientiert und dass die Glaubensgemeinde nicht mit ökonomischen Einflüssen infiziert werden sollen." Von spöttischen Geistern wird die ehrwürdige Abkürzung o.s.b. (ordo sancti benedicti) auch mal als "oh, sie bauen" gelesen. Doch den Segen von ganz oben haben die Klostermanager: Sie unterstehen nicht dem Bischhof, sondern sind nur Rom direkt Rechenschaft schuldig.

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