Wirtschaft : "Das Krebsübel unserer Zeit ist die Staatsverschuldung"

Nach dem Börsen-Crash 1987 wurde Paul C.Martin als Prophet des Niedergangs an den Finanzmärkten gehandelt.Henrik Mortsiefer sprach mit dem Autor ("Aufwärts ohne Ende"), Journalisten ("Bild") und Seminar-Veranstalter über Aktienkurse, Staatsverschuldung und sichere Häfen.

TAGESSPIEGEL: Herr Martin, seit dem Crash 1987 ist es stiller geworden um Sie.Beunruhigen Sie die aktuellen Börsen-Turbulenzen nicht?

MARTIN: Ich bin kein Crash-Prophet, und die Börsenkurse interessieren mich nur mittelbar.Mir geht es um die überbordende Staatsverschuldung und ihre ruinösen Folgen für die Märkte.Im übrigen ist noch nicht entschieden, ob wir tatsächlich auf eine nachhaltige Baisse zusteuern, oder ob es sich nur um eine größere Korrektur handelt.Allerdings sind die Gefahren, daß es einen Crash geben könnte, überall gewachsen.

TAGESSPIEGEL: Warum hat der Zustand der öffentlichen Finanzen Auswirkungen auf den Aktienmarkt?

MARTIN: Dem Schuldenberg stehen Guthaben gegenüber.Diese Guthaben, die durch staatliche Kreditaufnahme auf dem Kapitalmarkt entstehen, schwirren um den Globus und sind das Spielmaterial der Finanzmärkte.1997 haben deutsche Aktiengesellschaften 30 Mrd.DM Dividende ausgezahlt.Das ist schon eine Menge.Aber 180 Mrd.DM mußte der Staat an Zinsen für seine Schulden aufbringen.Das Krebsübel unserer Zeit ist die Staatsverschuldung.

TAGESSPIEGEL: Welche Lösung bieten Sie an?

MARTIN: Der Staat als Schuldenmacher muß verschwinden.Wir brauchen einen Systemwechsel, der nicht noch mehr Schulden bringt.Die Krisen in Asien und Rußland zeigen, daß die Zeit knapp wird.

TAGESSPIEGEL: Werden sich die Krisenherde ausweiten?

MARTIN: Solange das Gewürge der Banken etwa in Japan weitergeht, wird das Problem nicht gelöst.Notleidende Institute müssen in Konkurs gehen dürfen.Das gilt auch für Rußland.Nicht der Übergang zur Marktwirtschaft hat das Land in die Krise gestürzt, sondern die aufgelähte Bürokratie.Solange nicht klipp und klar gesagt wird, daß die Banken uneinbringliche Forderungen in der Bilanz stehen haben, werden Kapitalanleger abwarten, bis die Kurse weiter gefallen sind.

TAGESSPIEGEL: 1987 haben Sie verunsicherten Anlegern den Dollar als sicheren Hafen empfohlen.Das dürfte heute überholt sein.

MARTIN: In der Tat.Der Dollar leidet unter der Lateinamerika-Krise.Bis zum Jahresende wird er weiter fallen.

TAGESSPIEGEL: Wo sind die sicheren Häfen des Jahres 1998?

MARTIN: Sie sind am ehesten in Europa zu finden.Die D-Mark zum Beispiel.Das hat auch der Markt verstanden, und deshalb zeichnen sich hier neue Probleme ab.Die Bundesbank signalisiert ja, daß sie im Euroland mit den Zinsen nicht mehr bewegen kann.TAGESSPIEGEL: Analysten entwerfen ein Szenario, in dem Euroland wie eine Insel der Stabilität erscheint.

MARTIN: Die Region entwickelt sich äußerst positiv, und die Euro-Skepsis wird nachlassen.Im Euroland, aber auch in den USA finden Anleger derzeit die bestmögliche Welt.

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