Wirtschaft : „Das Land hat sich stabilisiert“

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Herr Rahr, in den 90er Jahren haben sich viele deutsche Unternehmen in Russland eine blutige Nase geholt. Was unterscheidet Putins Russland von dem unter Jelzin?

Man sieht zwar immer noch viele Rückschritte, aber das Land stabilisiert sich. Es ist klar, wer entscheidet. Außerdem gibt es keine Mafia nach altem Stil mehr. In den 90er Jahren gab es noch ganze Banden, die durch das Land zogen. Putin hat erkannt, dass die Wirtschaft die wichtigste Brücke Russlands zum Ausland ist.

Was sind die wichtigsten Reformen des russischen Präsidenten?

Die größte Leistung Putins ist die Legitimierung von Privateigentum. Unter Jelzin gab es immer Zweifel, ob das Land bei der Frage nicht wieder zurückfallen könnte. Jetzt kann das von niemandem mehr zurückgedreht werden. Daneben ist das Steuersystem stabiler geworden. Hier gibt es viel Positives zu berichten.

Hat Putin also alle Probleme beseitigt?

Nein. Es gibt immer noch Schwierigkeiten mit dem unterschiedlichen Rechtsverständnis. Und das größte Problem, mit dem die nächsten Generationen von Geschäftsleuten, die nach Russland kommen, weiterhin zu kämpfen haben, ist die Korruption. Die steckt tief in der bürokratischen Mentalität.

Fehlen die nötigen Gesetze?

Die Gesetze gibt es – sie werden aber nicht befolgt. Korruption wird es weiter geben, so lange ein Bürokrat, der im Monat 100 Dollar Lohn bekommt, darüber entscheidet, wo und wie Milliardeninvestitionen gemacht werden dürfen.

Wie lange wird es dauern, bis sich diese Mentalität ändert?

Das wird Jahrzehnte brauchen. Schließlich wurde die Korruption nicht von den Kommunisten erfunden. Schon vor 300 Jahren wurde sie als das größte Übel Russlands gesehen. Außerdem scheint der politische Wille zur Bekämpfung zu fehlen. Putin hat in seiner ersten Amtszeit wesentlich mehr gemacht. Er scheint mittlerweile stehen geblieben zu sein.

Bei all den Problemen – sollten deutsche Unternehmen Russland lieber meiden?

Nein. Russland lohnt sich allemal. Es gibt tatsächlich eine größere Stabilität – und viel zu verdienen. Insbesondere über den Staat und Staatsgarantien wie Hermes kann man viel machen.

2008 kann Putin bei der Präsidentenwahl nicht wieder antreten. Was wird passieren?

Der Machtwechsel wird sehr schwierig. Putin hat zuletzt Fehler gemacht – bei dem Ölkonzern Jukos oder der Auseinandersetzung in der Ukraine. Außerdem stehen soziale Einschnitte an, die radikalere Parteien stärken könnten. Bloß sehen im Grunde alle Kräfte – selbst der Rechtsextremist Schirinowski – klar, dass es eine Modernisierung des Landes ohne den Westen nicht geben kann. Westlichen Investoren droht deshalb 2008 nichts Gravierendes.

Das Gespräch führte Bernd Hops.

Alexander Rahr

ist Programmdirektor des Körber-Zentrums für Russland und die GUS. Er hat unter anderem Biografien von Michail Gorbatschow und Wladimir Putin

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