Wirtschaft : Das leichte Spiel mit der Gutgläubigkeit der Anleger

REINER REICHEL

Windige Finanzberater locken den Bundesbürgern jährlich Milliardensummen aus der Tasche / Aufsichtsbehörden oft machtlosVON REINER REICHELDer Graue Kapitalmarkt hat viele Facetten.Die Grenzen zwischen Anlagen mit hohem Risiko und reinem Betrug sind fließend und für den Anleger kaum zu erkennen.Von riskanten Steuersparmodellen über hochspekulative Börsengeschäfte bis zu betrügerischen Schneeballsystemen reicht die Palette der Angebote.Verbraucherschützer schätzen, daß gutgläubige Anleger in Deutschland jährlich 40 bis 60 Mrd.DM auf dem Grauen Kapitalmarkt verlieren. Niedrige Zinsen und das weitverbreitete Mißtrauen vor dem Euro erleichtern den Geldhaien zur Zeit das Geschäft.Schon lange warnt Volker Pietsch, Finanzexperte der Verbraucherzentrale in Berlin, vor unseriösen Geschäften mit der Euro-Angst.Auch die neue Medienwelt begünstigt die Machenschaften.Täuschen, tarnen und mit dem Geld verschwinden - das Internet macht es den oft aus dem Ausland agierenden Betrügern leicht, sich an Aufsichtsbehörden und Strafverfolgern vorbeizumogeln. Dem Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (BaKred), das seit Beginn des Jahres auch den Grauen Kapitalmarkt zu beaufsichtigen hat, wird es kaum gelingen, die Betrüger aus dem Feld zu schlagen.Selbst BaKred-Chef Wolfgang Artopoeus stellt fest: "Diejenigen, die von vornherein nicht erlaubnisfähige Geschäfte betreiben, wie etwa den Handel mit Bankgarantien, werden mit Sicherheit im Untergrund bleiben." Und wer Beteiligungen verkauft, wird von der Aufsicht sowieso nicht erfaßt.Dabei haben gerade in den vergangenen Jahren Beteiligungssparpläne und sogenannte Bankgarantien die größten Schäden auf dem Grauen Kapitalmarkt verursacht.Nach Schätzungen des Deutschen Finanzdienstleistungs-Informationszentrums in Oberursel verloren deutsche Anleger damit allein 1996 jeweils rund 10 Mrd.DM. Das Geschäft mit den Beteiligungssparplänen wurde 1986 vom 5.Vermögensbildungsgesetz so richtig in Schwung gebracht.Mit regelmäßigen Zahlungen im Rahmen des 936-DM-Gesetzes konnten Kleinsparer beispielsweise GmbH-, Genossenschafts- oder stille Beteiligungen erwerben und erhielten obendrein noch eine staatliche Prämie.Doch viele Anbieter, die mit dem Bundesadler warben, erwiesen sich später als unseriös.Als die Bundesregierung die Konsequenzen zog und den Anlegern per Gesetz außerplanmäßige Kündigungen erlaubte, war es für viele Sparer zu spät. Wohin solche Beteiligungsmodelle führen können, erleben zur Zeit mehr als 30 000 Sparer, die ihr Geld der Hanseatischen Aktiengesellschaft (HAG) anvertrauten.Als das BaKred im Mai 1997 zu dem Schluß kam, daß es sich bei den von der HAG vertriebenen stillen Beteiligungen um unerlaubte Einlagegeschäfte handelt, und die Rückzahlung der Anlagegelder verlangte, meldete die HAG Konkurs an.Nach vorläufigen Schätzungen sollen die HAG und die mit ihr verbundenen Unternehmen bis zu 400 Mill.DM bei Anlegern eingesammelt haben.Sie werden nicht viel davon wiedersehen. Dieses Schicksal teilen sie mit denen, die glaubten, überdurchschnittliche Renditen durch den Handel mit sogenannten Bankgarantien zu erwirtschaften.Zwar geben Banken zur Absicherung von Exportgeschäften Garantien ab.Doch gehandelt werden diese nicht.Die Verbraucherzentrale Berlin warnt: "Die gesamte Konstruktion existiert nur in der Phantasie der Kapitalanlagehaie." Von dieser Phantasie zeugen auch die Namen dieser Produkte: "standby letter of credit (SLC)", "prime bank promissory note (PBN)" oder "prime bank guarantees (PBG)". Die Klassiker auf dem Grauen Kapitalmarkt sind nach wie vor die über Telefonanrufe, sogenannte cold calls, angebahnten Warentermingeschäfte und Penny-Stock-Verkäufe."Bei Anruf Nepp", warnen Verbraucherschützer.Legende ist die Geschichte von jenem Telefon-Keiler, der seinen Kunden weismachte, sie müßten am Terminmarkt auf steigende Zuckerpreise setzen, weil es in China bald eine Schluckimpfung geben werde. Dabei sind Warentermingeschäfte an sich nicht unseriös.Unseriös sind vielmehr jene Vermittler, die das damit verbundene immense Risiko verniedlichen, mit bewußten Fehlinformationen ihre Kunden leimen und sie durch überhöhte Gebühren ausplündern.Andere betrügen von vornherein, indem sie das ihnen anvertraute Geld erst gar nicht anlegen, sondern es gleich nahezu unwiederbringlich in exotische Steueroasen schaffen.Derweil gaukeln sie ihren Kunden auf fingierten Kontoauszügen nicht vorhandene Gewinne vor und animieren sie, immer mehr Geld nachzuschießen. Kaum anders läuft der betrügerische Handel mit Penny Stocks ab.Vor dem Landgericht in Düsseldorf muß sich derzeit der Wellshire-Chef Hans Heinrich Kuhlen wegen des Verdachts des Betruges verantworten.Ihm wird vorgeworfen, durch den Handel mit wertlosen Billigaktien von US-Firmen Anleger um 48,7 Mill.DM geschädigt zu haben.Dazu soll er unter anderem über Strohmänner Scheinfirmen in den USA gegründet und deren Aktien in Deutschland verkauft haben.Und dennoch sind Penny Stocks kein Teufelszeug.Was sie für den Anleger so gefährlich macht, ist die fehlende Transparenz auf diesem engen Markt, die Manipulationen Tür und Tor öffnet. Viele der dubiosen Angebote basieren letztendlich auf Schneeballsystemen.Abgesehen davon, daß die Initiatoren zuallererst selber kassieren, werden eine Zeitlang noch Gewinne an die ersten Teilnehmer gezahlt.Das Geld kommt von den Einlagen neuer Mitspieler.Finden sich nicht mehr genügend neue Mitspieler, platzt das System.Furore auf diesem Gebiet machte die inzwischen verurteilte Damara Bertges als charismatische Chefin des European Kings Club (EKC).Knapp 2 Mrd.DM soll der EKC Anlegern in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus der Tasche gezogen haben.Eine umstrittene Interessengemeinschaft versuchte noch einmal Geschäfte mit den Opfern zu machen.Die Verbraucherzentralen stehen solchen Geschädigten-Vereinen ohnedies skeptisch gegenüber.Volker Pietsch: "Wir erleben so oft, daß einflußreiche Mitarbeiter zusammengebrochener Firmen in Form von Interessengemeinschaften ihre Hilfe anbieten - natürlich nicht zum Nulltarif." Um erst gar nicht in Gefahr zu geraten, sein Geld zu verlieren, sollten Anleger die folgenden Tips beachten Unverlangte telefonische Angebote sofort ablehnen.Keine Geschäfte am Telefon machen. Niemals Geschäfte unter Zeitdruck abschließen. Besonders mißtrauisch sein, wenn ein Anbieter im Ausland sitzt, in Deutschland nur von Agenten vertreten wird oder über keine deutsche Bankverbindung verfügt. Von neutralen Stellen, etwa Verbraucherzentralen, Informationen einholen. Prospekte der Anbieter genau lesen.Oft steht bereits im Prospekt, daß die Wahrscheinlichkeit eines Totalverlustes höher ist als die, einen Gewinn zu erzielen. Sämtliche Unterlagen aufbewahren; Beratungsprotokolle anfertigen und vom Berater unterschreiben lassen.

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