Wirtschaft : Das letzte Bild

In Leverkusen schlagen die verbliebenen Mitarbeiter der Traditionsmarke Agfa nur noch Restposten los

Stefan Kaiser

Leverkusen - Bernhard Dykstra knipst das Licht an. „Früher war hier was los“, sagt er und lächelt kurz, „hier waren jede Menge Menschen.“ Heute sind die Hallen und Gänge im Agfa-Stammwerk Leverkusen fast leer. Nur das Brummen der Maschinen ist zu hören. Sie laufen noch, aber sie produzieren nichts mehr. „Da kann einem schon mal unheimlich werden“, sagt Dykstra. Er ist Betriebsratsvorsitzender bei Agfa-Photo. Zusammen mit 95 Kollegen hält er hier noch die Stellung. Die Maschinen werden gewartet, damit sie nicht völlig wertlos werden. Ein paar hundert Meter entfernt lagern die letzten Filme, Einwegkameras und Fotopapiere, die hier im November produziert wurden. Sie werden jetzt noch an die Händler verkauft. Dann ist endgültig Schluss.

In der vergangenen Woche hat das Kölner Amtsgericht das geregelte Insolvenzverfahren für Agfa-Photo angeordnet. Nach 139 Jahren ist die Traditionsmarke Agfa damit am Ende. Den Insolvenzantrag hatte das Unternehmen bereits im Mai vorigen Jahres gestellt – zum großen Erstaunen der Öffentlichkeit und zum Entsetzen der damals noch 1800 Mitarbeiter. Schließlich hatte Agfa-Photo damals gerade einmal sieben Monate auf eigenen Füßen gestanden, nachdem es im November 2004 aus dem belgischen Mutterkonzern Agfa Gevaert ausgegliedert worden war. „Es gab damals keine Anzeichen dafür, dass es irgendwie schief läuft“, erinnert sich Betriebsrat Dykstra. „Ich habe erst gemerkt, dass wir auf eine Insolvenz zusteuern, als sie angemeldet war.“

Zwar wussten Mitarbeiter und Branchenkenner, dass die Fotosparte des Konzerns bereits vor der Abspaltung in der Krise steckte: Man hatte den Trend zur Digitalfotografie verschlafen, die Umsätze hatten sich zwischen 2000 und 2004 fast halbiert, die Zahl der Mitarbeiter war ähnlich stark gesunken. Doch nachdem ein Konsortium um den Münchner Investor Hartmut Emans die Sparte übernommen hatte, war Aufbruchstimmung eingekehrt. Grund dafür war nicht zuletzt eine Präsentation, mit der Emans’ Geschäftsführer Eddy Rottie die Mitarbeiter von der Abspaltung überzeugen wollte. Damals, im August 2004, zeigte Rottie bunte Grafiken, sprach von 72 Millionen Euro Barmitteln, die dem neuen Unternehmen vom ersten Tag an zur Verfügung stünden und weiteren 300 Millionen Euro Eigenkapital. „Meine Damen und Herren, wir sind eine sehr solvente Firma“, versprach Rottie. So steht es im Tonbandprotokoll. Die Mitarbeiter glaubten ihm.

Rotties Präsentation spielt auch heute wieder eine Rolle – vor Gericht. Das Arbeitsgericht Solingen gab am vergangenen Mittwoch der Klage von neun ehemaligen Agfa-Mitarbeitern statt, die sich von Rottie und Emans nicht korrekt informiert fühlten und deswegen nachträglich Widerspruch gegen ihren Übergang von Agfa Gevaert zu Agfa-Photo eingelegt hatten. Über zahlreiche andere Klagen muss noch entschieden werden.

Die Wut der Mitarbeiter ist verständlich. Denn schon wenige Monate nach Rotties Präsentation war von den 72 Millionen Euro Barmitteln, mit denen der Geschäftsführer geprotzt hatte, nicht mehr viel übrig. Wie sich herausstellte, hatten sie zum größten Teil aus einer Kreditlinie von 50 Millionen Euro bestanden, die Agfa-Photo plötzlich nicht mehr in Anspruch nehmen konnte. Warum, darüber wird bis heute spekuliert und gestritten – Investor Emans spricht von „Haftungsgründen“, die dagegen gesprochen hätten. Das Eigenkapital, dessen Wert Rottie und Emans mit 300 Millionen Euro angegeben hatten, bestand in erster Linie aus Produktionsanlagen und Vorräten, die sich zumindest kurzfristig kaum verkaufen ließen und deshalb praktisch wertlos waren. Weitere Kredite bekam Agfa-Photo nicht. Angeblich scheiterte die Kreditaufnahme daran, dass kein eigenes Rechnungswesen für AgfaPhoto vorhanden war.

Dabei hätte Agfa-Photo das Geld dringend gebraucht: Die Umsätze fielen in den ersten Monaten der Selbstständigkeit weiter ins Bodenlose. Statt eines geplanten Verlustes von rund fünf Millionen Euro stand im April ein Minus von mehr als 37 Millionen Euro zu Buche. Zudem tauchte eine Forderung von 45 Millionen Euro aus dem Auslandsgeschäft auf, die aus dem undurchdringlichen Geflecht der 32 Auslandstöchter von Agfa-Photo und Agfa Gevaert entstanden war. Die Führungsspitze von Agfa Gevaert hatte sich inzwischen mit Investor Emans zerstritten und bestand auf Zahlung der Millionenforderung. „Das war wie bei zwei kleinen Kindern“, erinnert sich Betriebsrat Dykstra. Dann ging alles ganz schnell: Im Mai vergangenen Jahres stellte Agfa-Photo Insolvenzantrag. Im Oktober gaben nach dem geplatzten Verkauf an einen Finanzinvestor auch die größten Optimisten die Hoffnung auf einen Erhalt der Firma auf. Der Großteil der Mitarbeiter wechselte nach und nach in eine Beschäftigungsgesellschaft, die ihnen ein Jahr lang 90 Prozent ihres Gehalts garantiert. 120 Agfa-Photo-Beschäftigte an den süddeutschen Standorten Vaihingen und Peitingen wurden von neuen Investoren übernommen. In den übrigen Werken ist jetzt Räumungsverkauf angesagt. Im bayerischen Rottenburg wurden in der vergangenen Woche schon die Maschinen und Möbel versteigert. Ähnliches steht auch dem Stammwerk in Leverkusen in der nächsten Zeit noch bevor.

Bernhard Dykstra hofft, dass er vielleicht noch ein paar Arbeitsplätze retten kann. Er sitzt in seinem Büro und zeigt auf ein Foto „aus glücklicheren Tagen“, wie er sagt. Es ist knapp sechs Jahre alt und zeigt ihn mit seiner damaligen Abteilung vor dem Fabriktor. Traurige Bilanz: Von den 25 Menschen auf dem Foto ist fast keiner mehr im Betrieb.

Zwischen all den Verlierern der Pleite gibt es auch Gewinner oder zumindest solche, denen der Zusammenbruch nicht sonderlich geschadet hat. Der Mutterkonzern Agfa Gevaert ist seine Problemsparte ohne große Kosten losgeworden, und Investor Emans könnte sogar noch einige Millionen mitnehmen. Seine Firma, die nicht insolvente Agfa Photo Holding, ist laut einer Vereinbarung mit dem Mutterkonzern Agfa Gevaert Lizenznehmerin für den Markennamen Agfa, doch die beiden streiten sich noch darum, ob diese Vereinbarung noch gültig ist.

Emans will die Markenlizenz gerne zu Geld machen: „Die Agfa Photo Holding hat das Recht zur Unterlizenzierung, und das würde sie auch gerne nutzen“, sagt er. Es gebe bereits eine Vielzahl von Interessenten, die den guten Namen zum Beispiel für Kameras oder Batterien verwenden möchten. Verrückte Welt: Klappt das Geschäft, gehört Emans zu den Gewinnern der Pleite. Foto: ddp

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