Wirtschaft : Das Löcherstopfen steht meist im Vordergrund

KARL KRÄNZLE

In Südostasien ist die Privatisierung ins Stocken geratenVON KARL KRÄNZLE SINGAPUR.Fast überall im asiatisch-pazifischen Raum ist die Privatisierung monopolistischer Staatsbetriebe wenn nicht gerade zum Stillstand gekommen, so doch ins Stocken geraten.Unter dem Druck des Internationalen Währungsfonds soll der Prozeß nun erneut in Schwung kommen.Besonders hohe Erwartungen setzt der IWF in Thailand, wo die Wirtschaftsreform in den letzten Monaten am zügigsten vorangetrieben wurde.Just im früheren Siam wachsen nun aber die Widerstände.Die 30 000 Angestellten der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft Egat drohten kurzerhand mit einem Streik, worauf die Regierung einen Ausschuß einsetzte, der die Privatisierungspläne zunächst einmal überprüfen soll.Das Beispiel wirft ein Schlaglicht auf die Schwierigkeiten, mit denen sich heute die meisten krisengeplagten Länder der Region konfrontiert sehen.Eindrucksvollen Anschauungsunterricht liefert die teilprivatisierte Luftfahrtgesellschaft Thai Airways.Das Finanzministerium ist immer noch im Besitz von 93 Prozent des Kapitals.Die Aktien der Airline werden zur Zeit für rund 40 Baht gehandelt; der Kurswert liegt somit gut 30 Prozent unter dem im Sommer 1991 erzielten Emissionspreis von 60 Baht.Solange die Luftfahrtgesellschaft unter einer akuten Ertragsschwäche leidet, kommt es zu keiner Kurserholung, und solange der Aktienkurs sich nicht erholt, zögert das Finanzministerium, die Privatisierung voranzutreiben.Unter allen südostasiatischen Ländern hat Malaysia die größten Privatisierungserfolge vorzuweisen, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, daß in diesem Land in den siebziger und frühen achtziger Jahren am stärksten nationalisiert worden war.Im Jahr 1985 hatte die Regierung in Kuala Lumpur schließlich rund 200 Staatsbetriebe zu Privatisierungskandidaten erklärt; etwa die Hälfte öffneten sich seither dem Publikum.Doch auch in Malaysia ist der Enthusiasmus mittlerweile stark abgeklungen.Entweder rentieren die noch zu privatisierenden Unternehmen kaum, oder sie fahren sogar Verluste ein.Den meisten Ländern fehlte es schlicht an einem überzeugenden Konzept, als die Entstaatlichung in den achtziger Jahren in Gang gesetzt wurde.Es ging nicht in erster Linie darum, schwerfällige Staatsbetriebe leistungsstärker und effizienter zu machen.Im Vordergrund stand oftmals der Wille, sich möglichst mühelos aus einer Finanzklemme zu befreien und Löcher in der Staatskasse zu stopfen.Das wiederum hatte zur Folge, daß die Kontrolle und der Einfluß des Staates auf die Wirtschaft im Zug der Privatisierung nicht verringert, sondern in manchen Fällen noch verstärkt worden ist.In Indonesien gehören Verwandte und Freunde des Präsidenten Suharto zu den Hauptnutznießern der Privatisierung, und in Malaysia handelt es sich in vielen Fällen um Tycoone, die aufgrund ihrer persönlichen Beziehungen zu Ministerpräsident Mahathir favorisiert und mit der Vergabe lukrativer Infrastrukturprojekte belohnt worden sind.Mit anderen Worten: Die Privatisierung verkam zu einem Werkzeug der Günstlings- und Vetternwirtschaft.Daher gibt es jetzt auch so vehemente Widerstände gegen die vom IWF geforderte Beschleunigung der Entstaatlichungsprozesse.Die Bilanz ist aber nicht nur negativ.Die Philippinen und Thailand haben Erfolge vorzuweisen, die - ganz im Sinn des IWF - dem ins Stocken geratenen Prozessen neue Impulse versetzen könnten.Über Jahre hatte es auf den Philippinen jeden Tag Stromausfälle gegeben.Die Produktion in den Fabriken kam stundenlang zum Erliegen.In den Häusern blieben die Fahrstühle stecken, und die Klimaanlagen fielen aus.Das ist vorbei.Die Privatisierung der Elektrizitätswirtschaft gehört zu den großen Leistungen des im Juni abtretenden Präsidenten Fidel Ramos.In Thailand erinnern viele sich, wie sie früher bis zu zehn Jahren auf einen Telefonanschluß warten mußten.Nachdem die Regierung privaten Unternehmen Fernmeldekonzessionen erteilte, sind die Wartezeiten deutlich kürzer geworden.Vom Währungsfonds auf die Probe gestellt sieht sich Thailand, wo die vom IWF geforderten Wirtschafts- und Finanzreformen bisher am konsequentesten vorangetrieben worden sind.Wenn es nicht gelingt, die Privatisierung zu beschleunigen und die Widerstände in der Öffentlichkeit zu brechen, könnte die Strukturkrise sich verschärfen.Im Prinzip gilt das für die meisten Länder in Südostasien.Die ganze Region befindet sich gegenüber anderen Wirtschaftsräumen in einem deutlichen Privatisierungsrückstand.

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