Wirtschaft : Das Modell Wolfsburg

Bei Volkswagen wird traditionell gut verdient – und bis heute gab es noch nie einen Arbeitskampf

Alfons Frese

Aggressive Stimmung in der Autostadt. Die Arbeiter sind sauer und präparieren sich für den Arbeitskampf. VW hat in den laufenden Tarifverhandlungen auf einer Nullrunde beharrt – eine Frechheit für die Autobauer, deren Einkommen geradezu gewohnheitsmäßig Jahr um Jahr steigen. In der Urabstimmung votieren 88,5 Prozent der Metaller für Streik. Bei den wütenden Protestaktionen, auch wilde Streiks genannt, verliert die IG Metall fast die Kontrolle über die eigenen Truppen. Doch dann, kurz bevor der Arbeitskampf richtig beginnt, lenkt der Konzern ein. 5,9 Prozent mehr Lohn und in Wolfsburg ist wieder Ruhe am Band.

So war das vor gut 16 Jahren, im Frühjahr 1978. Volkswagen hatte schwere Jahre hinter sich, die Ölkrise 1973/74 tat weh, die Umstellung vom Käfer auf den Golf war ein Kraftakt, und bis das neue Auto richtig lief, verloren einige Tausend ihren Arbeitsplatz. Später wurden die wieder eingestellt, weil der Golf sich so gut verkaufte. Bis heute ist das riesige Stammwerk des Konzerns abhängig vom Golf. Aber der ist auf dem Automarkt nicht mehr so dominant: Weil die Konkurrenz stark geworden ist, weil der Golf teuer wurde und weil sich die Vorlieben der Kundschaft differenzieren. Wer früher einen Golf fuhr, der sitzt heute lieber in einem Minivan, einem Coupe, Cabrio oder Geländewagen.

Seit rund einem Jahr ist der Golf V auf dem Markt, und nur mit einer nachträglichen Preissenkung in Form einer kostenlosen Klimaanlage läuft der Absatz so einigermaßen. Mit Ach und Krach schafft es Konzernchef Bernd Pischetsrieder vielleicht in diesem Jahr 600000 Golf abzusetzen. Klar ist schon jetzt, dass der VW-Gewinn in diesem Jahr deutlich unter dem Vorjahr liegt. Schlechte Voraussetzungen für die IG Metall, ihre Lohnforderung von vier Prozent und eine langfristige Beschäftigungsgarantie durchzusetzen. Zumal Personalvorstand Peter Hartz das Ende der guten Jahre verkündet hat: Bis 2011 will er die Personalkosten bei VW um 30 Prozent oder zwei Milliarden Euro senken.

Bei VW wird traditionell gut verdient. Nachdem im Oktober 1954 die britischen Besatzer das Werk an die Deutschen übergeben hatten, begann schon bald das Wirtschaftswunder. Die Käfer-Produktion erforderte immer mehr Arbeiter – die mit vergleichsweise hohen Löhnen in das riesige Werk am Mittellandkanal gelockt wurden. Eine Industrietradition gab es nicht im Wolfsburger Raum, so dass unter anderem Landarbeiter und Flüchtlinge aus dem Osten die stetig wachsende Belegschaft bildeten. Und nach und nach wurden aus den VW-lern auch IG Metaller. Heute sind 97 Prozent der VW-Arbeiter in der Gewerkschaft. In keinem anderen Unternehmen ist die IG Metall so stark. Auch deshalb liegen die Löhne bei VW deutlich über dem Flächentarif. Und selbst wenn Hartz den Tarifkonflikt gewinnt, werden die Autobauer noch lange über Tarif verdienen.

Uwe Hück, Betriebsratschef bei Porsche, ist froh „das Desaster in den anderen Autofirmen nicht zu haben“. Mit dem Arbeitsplatz würden die Beschäftigten mehr oder weniger erpresst: „Erst wurde Daimler-Chrysler rausgepickt, jetzt Opel und VW“, sagt Hück zu den Tarifauseinandersetzungen. Bei Porsche läuft derzeit alles bestens, aber Hück sieht mit Sorge, „dass Häuserkämpfe“ bei den anderen Herstellern stattfinden und die Funktion des Flächentarifvertrags als „Friedensvertrag“ schwächer wird. Aber wie kommen seine Kollegen bei VW aus dieser Situation wieder raus? „Den Menschen darf man kein Geld aus der Tasche ziehen“, sagt Hück und regt stattdessen mehr Flexibilität an. „Man muss die Mitarbeiter effektiver arbeiten lassen und sie müssen so lange arbeiten, wie der Markt das braucht.“

Gerhard Bosch, Vizepräsident des Gelsenkirchener Instituts für Arbeit und Technik, sieht die IG Metall bei VW auch deshalb in einer schwierigen Situation, weil kürzlich bei Daimler-Chrysler ein Sparpaket über 500 Millionen Euro vereinbart wurde – und das, obwohl es Daimler deutlich besser geht als VW. Im Übrigen hat Ford bereits Einsparungen von 450 Millionen Euro durchgesetzt und Opel verhandelt gerade über eine Kostensenkung. Das alles belastet die Position der IG Metall bei VW.

Doch gerade bei VW hat die Industriegewerkschaft tarifpolitische Erfolgsgeschichten geschrieben. 1993, während der letzten großen Autokrise, rettete die Einführung der Vier-Tage-Woche ein paar Zehntausend Arbeitsplätze. Vor drei Jahren, nach wochenlangem Tarifgefecht, einigte man sich in Wolfsburg auf das Arbeitsmodell 5000 mal 5000, wonach 5000 Arbeitslose zu einem Einheitslohn von 5000 Mark eingestellt werden. Die Produktion des Minivan Touran konnte dadurch nach Wolfsburg geholt werden. In diesem Herbst geht es unter anderem um einen neuen, kleinen Geländewagen auf Basis des Golf. Das Werk in Wolfsburg braucht dieses Modell, um unabhängiger vom Golf zu werden. Aber da das Auto in der Slowakei günstiger gebaut werden kann, müssen die Wolfsburger sich bewegen. „Denn in diesem Land ist Arbeit das höchste Gut“, sagte Porsche-Betriebsrat Hück. Und gestreikt wurde in Wolfsburg ja auch noch nie.

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