Wirtschaft : Das Multitalent

Das Handy ist mehr als ein Telefon: Es kann fotografieren, mailen und Musik spielen – und bald auch die „Tagesschau“ übertragen

Corinna Visser
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Am Anfang war es eine Technik für wenige Auserwählte. Dafür sorgten schon die horrenden Preise. Der „Knochen“ von Motorola kostete 1992 noch 3000 Mark. Und es war eine Technik für kräftige Naturen, immerhin wogen die mobilen Telefone anfangs rund ein halbes Kilo. Heute zahlt man einen Euro und steckt ein Leichtgewicht von weniger als 100 Gramm in die Tasche. Statistisch gesehen gibt es in Deutschland mehr Mobilfunkkarten als Einwohner. Doch rechnet man die Nutzer heraus, die eine Zweit- und Drittkarte besitzen, so schätzt Vodafone-Deutschlandchef Friedrich Joussen die Zahl der Handynutzer hierzulande auf 60 Millionen. Das Mobiltelefon hat sich deutlich schneller und weiter verbreitet als der PC. Am 30. Juni feiert der digitale Mobilfunk in Deutschland seinen 15. Geburtstag.

Axel Freyberg, Telekommunikationsexperte von der Unternehmensberatung A.T. Kearney, erklärt den Erfolg so: „Das Handy hat den Menschen Freiheit gegeben.“ Sich verabreden, mit Menschen in Kontakt bleiben, ist einfacher geworden. Das war der Anfang. „Heute ist das Mobiltelefon zu einem Statussymbol geworden“, sagt Freyberg. „Vor allem junge Menschen nutzen das Handy auch, um ihre Persönlichkeit auszudrücken.“ Freyberg ist überzeugt, dass die Einführung der vorausbezahlten Guthabenkarten (Prepaid) 1997 ein wichtiger Erfolgsfaktor in der Entwicklung war. „Die Prepaid-Tarife haben den Markt signifikant vorangetrieben.“ Handys für einen Euro, also die Tatsache, dass die Netzbetreiber die Geräte mit viel Geld subventionieren hält er dagegen für nicht so entscheidend. „Andere Märkte in Europa haben heute eine höhere Penetrationsrate – auch ohne subventionierte Handys.“

Und das Telefon entwickelt sich weiter: „Das Handy wird immer mehr zu einem allgemeinen Kommunikationsgerät, das den Nutzer überall begleitet“, sagt Freyberg. Wachstumspotenzial für den Mobilfunk sieht er unter anderem darin, dass die Menschen künftig immer weniger im Festnetz telefonieren und vielfach am Ende den Anschluss zu Hause ganz durch das Handy ersetzen. So werde etwa in der Branche gerade diskutiert, dass der Nutzer künftig eine Basisstation in seiner eigenen Wohnung haben könnte, damit er zu Hause eine optimale Funkversorgung hat. „Ich glaube aber nicht, dass das Handy es schaffen wird, auf breiter Front das Festnetztelefon zu Hause zu ersetzen“, sagt er. „Gerade Familien werden ein stationäres Telefon beibehalten. Ob dieses dann über das klassische Festnetz, das Internet oder über das Mobilfunknetz angebunden ist, ist eine zweite Frage.“

Manfred Breul, Bereichsleiter Telekommunikation beim Branchenverband Bitkom, erwartet, dass die mobile Datennutzung stark ansteigen wird. „Bei einigen Mobilfunkunternehmen macht der Datenversand bereits bis zu 25 Prozent des Umsatzes aus“, sagt Breul. Doch einen Großteil der Erlöse machen immer noch die elektronischen Kurzbotschaften aus. Immerhin: „Lässt man die SMS beiseite, liegen die sonstigen Datenumsätze teilweise bereits bei zehn Prozent“, sagt Breul. Noch nutzen nur wenige Mobilfunkkunden ihr Handy, um ins Internet zu gehen. „Dem Surfen auf dem Handy sind einfach durch die Größe der Geräte Grenzen gesetzt“, sagt Freyberg. Dennoch sieht er Entwicklungspotenzial: „In Japan wird heute schon mehr Musik über das Handy heruntergeladen als mit dem PC.“ Und Breul beobachtet: „Die Menschen verschicken auch privat immer mehr E-Mails per Handy. Das führt sogar dazu, dass sich das Wachstum der SMS verlangsamt.“

Das Handy kann immer mehr: „Einfachere MP3-Player werden vom Handy abgelöst“, erwartet Breul. Und schon längst werden mehr Handys mit Digitalkamera verkauft als Digitalkameras an sich. Und die Bandbreiten der UMTS-Netze erlauben auch die Übertragung von bewegten Bildern. Ab 16. Juli bietet auch die ARD eine „Tagesschau in 100 Sekunden“ an, die per Handy abgerufen werden kann. T-Mobile will diesen Dienst anbieten.

„Das mobile Fernsehen auf dem Handy ist ganz klar einer der Zukunftstrends“, sagt Breul. „Allerdings wird die Entwicklung in Deutschland durch die föderalen Strukturen eher behindert.“ Deshalb müssen sich die Netzbetreiber derzeit noch mit der Ausstrahlung via UMTS begnügen. Andere Länder sind da weiter: In Italien läuft das Handyfernsehen bereits seit der WM im letzten Jahr.

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