Wirtschaft : Das Netz verändert das Gesicht der Handelswelt

Terence Roth

Die Sorge um eine "technologische Kluft" zwischen Erster und Dritter Welt wächst. Bill Gates ruft in Davos das Jahrhundert des Internets ausTerence Roth

Das europäische Telefontarifsystem behindert nach Ansicht von Ex-Microsoft Chairman Bill Gates die Entwicklung des Internets und des elektronischen Handels (E-Commerce) auf dem alten Kontinent. Die Abrechnung im Minutentakt habe zu dem Entwicklungsrückstand geführt, den die Europäer während der vergangenen fünf Jahre gegenüber den großen US-Providern aufgebaut haben, sagte Gates auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos.

Für den Konsumenten seien die Telefonkosten der bei weitem größte Kostenfaktor am Internet: "Vom Telefonsystem wird es abhängen, wie schnell ein Land den Anschluss an das Internet schafft." Gates betonte, dass in Europa inzwischen ein kleiner, aber wachsender Kreis von Internet-Unternehmern entstehe, die den Europäern die Internet-Dienstleistungen näher bringen würden. Schon bald dürfte der elektronische Handel in Europa nach Erwartung der Experten ein explosionsartiges Wachstum an den Tag legen - wenn erst einmal die großen Markenartikler ihren Vertrieb auf das Internet umstellen und die Regierungen eine Internet-freundlichere Telekom-Infrastruktur aufgebaut hätten. Bis dahin ist allerdings noch ein weiter Weg: Bisher machen die USA mit rund 80 Prozent den größten Teil des weltweiten elektronischen Handels unter sich aus, wie die HSBC-Bank in einer Studie ermittelte. Westeuropa dagegen erreiche zehn Prozent, Asien fünf Prozent. Als wichtigste Hürden für die Entwicklung eines elektronischen Handels-Netzwerkes in Europa machten die Experten das Sprachproblem aus, außerdem die wenig vorhandene Breitband-Technologie und die hohen Telefongebühren. Die Breitband-Technologie ermöglicht es, mehr Daten als über die konventionellen Telefonkabel zu vermitteln, und ist Voraussetzung für den elektronischen Vertrieb von Filmen oder Musik.

Zu Beginn des "Internet-Jahrhunderts" wird im Zentrum der Wachstumsstrategien der meisten Unternehmen der Ausbau der Internet-Geschäftsbereiche liegen. Dies wird sich über das gesamte kommende Jahrzehnt erstrecken, sagten führende Manager in Davos. Dabei fordern sie allerdings mehr innovative Technologie und bessere Integration von Telekom-, Satelliten- und Kabelgesellschaften. AOL-Chef Stephen Case wies auf das Zusammenwachsen der verschiedenen Technologiezweige hin: Noch vor zehn Jahren erfolgte der Internet-Zugang im wesentlichen über einen Personal-Computer, der über eine relativ langsame Telefonverbindung mit dem Internet verbunden war. Heute aber entwickele sich auch das Kabelfernsehen zu einem interaktiven Medium, bei dem die Konsumenten aktiv involviert sind. Auch über Mobiltelefone lassen sich inzwischen elektronische Post versenden und Aktienkurse abfragen.

"Die große Reise steht uns aber noch bevor, da die Mehrheit der Leute noch gar nicht angeschlossen ist", erklärt Case. "Und die, die angeschlossen sind, benutzen das Internet nur gelegentlich". Durchschnittlich eine Stunde am Tag verbringen die Verbraucher AOL-Statistiken zufolge im Internet - vor fünf Jahren war es nur eine Stunde in der Woche.

In Davos kursierten aber auch Unmutsäußerungen, dass die reichen Länder immens von der Expansion des Internets profitieren, während die Entwicklungsländer noch weiter zurückblieben. Dadurch entstehe die so genannte "digitale Kluft" ("digital divide"). Dabei sei es doch gerade das Internet, das Unternehmern, Verbrauchern und Ausbildern in den Entwicklungsländern ganz neue Märkte und Informationsquellen erschließen könnte. Case betonte, dass "überall auf der Welt Menschen mit innovativen Ideen eine globale Präsenz aufbauen" könnten. Doch die Voraussetzung hierfür ist natürlich ein intaktes Telekommunikationssystem. Gates zufolge geht es jetzt darum, die Breitband-Technologie in der ganzen Welt zu verbreiten, damit die Flut neuer Internet-Dienste Menschen und Unternehmen der ganzen Welt miteinander verbinden könne. "Das alte Telefonnetz hilft uns da nicht mehr weiter", so Gates.

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