Wirtschaft : Das Pentagon rüstet die Computer ab

Noch haben einzelne Mitarbeiter bis zu 13 PCs – nun folgt das US-Verteidigungsministerium dem Trend

W. Bulkeley,A. Chipman

Kann ein Computer gefährlich sein? Das glauben anscheinend immer mehr Unternehmen und Regierungsorganisationen in den USA und Europa. Denn der traditionelle PC gibt den Angestellten zu viel Macht und ist das Tor zu allerhand Unheil – angefangen bei der Zeitverschwendung im Internet bis zur versehentlichen Installation von Viren. Und außerdem sind große Bestände von PCs teuer in Unterhaltung und Aufrüstung. Viele Arbeitgeber tauschen daher die bisherigen Computer ihrer Mitarbeiter gegen abgerüstete Endgeräte aus. Bei den so genannten Thin-Client-Systemen bleiben den Angestellten nur Monitor, Tastatur und Maus, während Rechenleistung und Datenspeicherung von einem zentralen Rechner übernommen werden. Das spart Wartungskosten – und vor allem kann so die Systemnutzung durch die Mitarbeiter überwacht und eingeschränkt werden.

„Die Leute werden immer preisbewusster“, sagt Wolfgang Staehle, Chef der Sparten Europa, Afrika und Naher Osten bei dem kalifornischen Unternehmen Wyse Technology. Die Amerikaner verkaufen ihre Anlagen bisher vor allem an britische Unternehmen und Einrichtungen, darunter Schulen und Krankenhäuser. Aber Straehle sieht weltweit große Wachstumschancen für seine abgerüsteten Computersysteme, besonders in den Bereichen Finanzdienstleistung, Autoindustrie und Handel.

Verschlankte Systeme gibt es zwar schon seit Jahren, doch erst seit neuestem liegen sie voll im Trend. Gründe sind steigende Wartungskosten und die Notwendigkeit, besser überwachen zu können, was die Mitarbeiter den ganzen Tag so am PC tun. Die Lieferungen von Thin-Client-Systemen werden in Westeuropa in diesem Jahr um 17 Prozent gegenüber 2004 steigen, sagt daher das Marktforschungsunternehmen IDC voraus. Hauptabnehmer für die fast 767000 neuen Systeme in diesem Jahr sind Großbritannien, Deutschland und Frankreich. Laut den IDC-Marktforschern wird sich ein anderes System sogar noch schneller verbreiten: der so genannte Blade-PC. Anders als bei den Thin-Client-Anlagen hat hier jeder Mitarbeiter einen abgerüsteten PC, der jedoch in einem zentralen Raum untergebracht ist, um so die Wartungsarbeiten zu vereinfachen. Die europaweiten Verkäufe von Blade-Anlagen werden von derzeit nicht einmal 41000 pro Jahr bis 2008 sogar auf 6,5 Millionen Stück steigen, berechnete IDC.

Den Löwenanteil am europäischen Geschäft mit der abgerüsteten IT sichern sich Konzerne wie Wyse, HewlettPackard, Siemens und Neoware. Aber auch Neulinge haben eine Chance: Die Bremer Firma Igel Technology zielt mit ihren „Clever-Client“-Systemen auf maßgeschneiderte Lösungen für den deutschsprachigen Markt. Die Londoner Firma Netvoyager, die auf Thin-Client-Lösungen spezialisiert ist, konnte ihren Umsatz in den letzten zwölf Monaten um 15 Prozent steigern. Doch noch müsse Überzeugungsarbeit geleistet werden, vor allem bei den Firmen, die in den 90er Jahren schlechte Erfahrungen mit schlanker IT gemacht haben, sagt Netvoyager-Geschäftsführer Jamil Abulzelof. Dabei sind Thin-Client-Terminals – im Gegensatz zu einem herkömmlichen Büro-PC, der etwa 800 Dollar kostet – zu Schnäppchenpreisen ab 200 Dollar zu haben. Die eigentliche Ersparnis liegt aber bei der Unterhaltung: Kein Angestellter kann mehr eine virenverseuchte Diskette einlegen, und zur Softwarepflege brauchen die Fachleute nur in den zentralen Rechnerraum.

Früher, also vor dem Zeitalter des IBM-Computers, basierten sämtliche Firmennetzwerke auf Server-Client-Lösungen, bei denen dem Mitarbeiter lediglich ein Arbeitsterminal zur Verfügung stand. Dann aber bekam jeder einen eigenen Rechner mit eigener Festplatte. Der Trend zurück zur Zentralisierung der Rechenkapazitäten wird vor allem von Oracle und Sun Microsystems forciert. Beide Firmen sind erbitterte Konkurrenten des Software-Konzerns Microsoft. Und anders als Microsoft würde sie ein Rückgang bei den Computer-Verkäufen nicht treffen.

Mittlerweile denkt selbst das Pentagon um und stellt die 30000 Computer-Arbeitsplätze in seinen verschiedenen Sicherheitsbehörden auf eine Thin-ClientVariante des Netzwerkspezialisten Sun Microsystems um. Ryan Durante, Programmmanager beim Pentagon, sagt, dass einige Benutzer derzeit bis zu 13 verschiedene Windows-PCs unter ihrem Schreibtisch haben, von denen jeder an ein anders Netzwerk mit unterschiedlicher Sicherheitsstufe angeschlossen ist. Nach der Umstellung wird jeder Mitarbeiter nur noch ein Endgerät für das Netzwerk haben und einen PC für den Internetzugang.

Wer sein PC-System verschlankt, senkt auch die Software-Kosten. Arbeitsplätze in Handel, Gesundheitswesen oder Behörden kommen oft mit weniger Windows-Anwendungen aus oder können sogar mit lizenzfreier Software betrieben werden. Bei den Thin-Client-Lösungen muss die Software-Lizenz nicht mehr für jeden Arbeitsplatz erworben werden, sondern nur für die Anzahl von Mitarbeitern, die das Programm gleichzeitig verwenden. So finanziert sich die Umstellung beim Pentagon allein durch die Einsparungen bei der Software. Statt Nutzungslizenzen für jeden der zahlreichen Einzelrechner braucht man jetzt nur noch zwei Office-Pakete: eines für das Endgerät und eines für den Internet-Rechner. Ganz auf Office zu verzichten, war für das Pentagon dagegen keine Option, sagt Durante: „Kein Krieg lässt sich ohne Powerpoint führen.“

Hewlett-Packard setzt dagegen vor allem auf den Blade-PC, da die Umstellungen für den Benutzer leichter sind als beim Thin-Client-System – schließlich behält der Anwender hier die vertraute PC-Umgebung. Gegenüber dem Einzelplatzrechner verspricht der Blade-Computer, der über 900 Dollar kosten kann, aber eine weitaus höhere Zuverlässigkeit, da die gesamte Rechentechnik im sicheren Computerraum untergebracht ist. Denn für die Abnehmer ist vor allem die Trennung von Arbeitsplatz und Laufwerken interessant. So entwickelt ein langjähriger Kunde von Clear-Cube in seinen indischen Labors Software, während der zentrale Blade-Rechner in den USA steht. Der Vorteil: Es gibt kein Laufwerk in Indien, mit dem die Software kopiert werden könnte.

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