Wirtschaft : Das Problem der Nachfolge

PETER BOLM

Modellprojekt Jobrotation erleichtert Ausbildung zum MeisterVON PETER BOLM

In vielen Handwerksbetrieben hat die Suche nach einem Nachfolger begonnen.In Berlin geht man davon aus, daß in den nächsten fünf bis zehn Jahren in etwa 5000 Unternehmen mit rund 50 000 Beschäftigten die Übergabe geregelt werden muß.Mehr als 43 Prozent der Inhaber vollhandwerklicher Betriebe in der Hauptstadt sind älter als 50 Jahre, mehr als zehn Prozent älter als 60.Für das Deutsche Institut für Mittelstandsforschung ist Berlin jedoch nicht die Ausnahme. Das Institut schätzt, daß allein in den alten Bundesländern bis zum Jahr 2000 in mindestens 300 000 Unternehmen eine Übergabe ansteht, 200 000 davon sind Handwerksbetriebe.Für nicht wenige der Betroffenen bedeutet der Generationswechsel das Aus.Rund eine Million Arbeitsplätze, so die Analyse des Instituts, sind durch die drohenden Betriebsstillegungen gefährdet. Auch in Berlin besteht kein Grund zur Entwarnung.Die Berliner Handwerkskammer rechnet damit, daß von den 5000 geschätzten Firmen mindestens ein Drittel bei der anstehenden Regelung Probleme bekommen wird.Zu hohe finanzielle Forderungen an den Nachfolger auch wegen der ungesicherten Altersversorgung, Verlustängste, Entscheidungslosigkeit, zu geringe Umsätze und Erträge oder die fehlenden Voraussetzungen bei den Erben sind einige der Gründe für die sichtbar werdenden Schwierigkeiten.Dazu kommen die Probleme bei den Nachfolgern.Die Ausbildung zum Handwerksmeister stellt für viele eine hohe finanzielle Belastung dar.In der Handwerkskammer ist man besorgt, daß aufgrund fehlender Mittel die Ausbildung vielfach zurückgestellt, unterbrochen oder überhaupt nicht durchgeführt wird. An dieser Stelle soll jetzt das Modellprojekt "Jobrotation" greifen, das im Rahmen einer EU-Initiative die Weiterbildung von Beschäftigten aus kleinen und mittleren Unternehmen zum Ziel hat.In Berlin wurde dieses Projekt bereits vor einem Jahr mit der Qualifizierung von "Betriebswirten in der Handwerkswirtschaft" gestartet.Durch den Erfolg ermutigt, soll das Modell Jobrotation nun in Meisterbetrieben fortgesetzt werden, um die Nachfolge zu erleichtern.Träger des Projektes in Berlin ist eine Koordinierungsstelle, die bei der Service Gesellschaft des Sozialpädagogischen Instituts (FPI) angesiedelt ist.Für Projektleiterin Elke Oertel geht es darum, in der Vorbereitungszeit bis zum Frühjahr 1998 für jedes der interessierten Unternehmen eine paßgerechte Lösung zu finden.Dabei ruht das Modell auf zwei Säulen.Zum einen wird in Zusammenarbeit mit den Arbeitsämtern ein arbeitsloser Geselle gesucht, der nach einer speziellen Qualifizierung und Einarbeitung den Gesellen vor Ort für mindestens sechs Monate ersetzen soll.Während dieser Zeit hat das Unternehmen die Möglichkeit, den eigenen Gesellen zur Meisterausbildung freizugeben, die ebenfalls durch die Maßnahme finanziert und organisiert wird. Die Kosten für den einspringenden Arbeitslosen übernimmt die Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg.Der für die Meisterausbildung freigestellte Geselle behält seinen Status als Angestellter und bekommt auch während der Ausbildung zum Meister sein Gehalt.Die Kosten hierfür teilen sich die EU und die Senatsverwaltung für Arbeit, Bildung und Frauen.Elke Oertel rechnet damit, daß etwa 18 Berliner Handwerksbetriebe in das Projekt aufgenommen werden.

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