Wirtschaft : „Das Problem wird sich noch verschärfen“

IHK-Mann Schäfer über Azubiwerbung in Polen

Foto: promo
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Herr Schäfer, wie steht es um die Ausbildung im Land Brandenburg?

Wie überall fehlen auch bei uns Bewerber, um die Azubistellen zu füllen. Das ist eine relativ neue Situation. Lange war es so, dass es mehr Bewerber als Stellen gab. Erst vor ungefähr zwei Jahren ist die Lage gekippt. Seitdem nimmt das Problem zu. Im Sommer 2009 hatten wir noch 363 unbesetzte Stellen, in diesem Jahr sind es schon 518.

Wer ist besonders betroffen?

Die größten Defizite gibt es im Bereich der Hotels und Gaststätten, dort fehlen 160 Azubis. Dann folgen Metallverarbeitung und Handel, denen jeweils rund 55 Bewerber fehlen. Das ist auch bei uns in erster Linie ein Demografieproblem.

Wie gehen Sie dagegen vor?

In erster Linie sprechen wir mit den Unternehmen. Wir versuchen sie davon zu überzeugen, selbst aktiv zu werden. Weil es lange so ein großes Überangebot gab, sind viele verwöhnt. Wir werben auch dafür, schlechteren Schülern eine Chance zu geben, beispielsweise über geförderte Praktika. Außerdem haben wir eine Börse, bei der wir Azubis und Unternehmen wie bei einer Partnerbörse passgenau vermitteln. Wir unterstützen die Unternehmer bei der Vorauswahl, indem wir einen IHK-Bewerbercheck anbieten, bei dem wir bei den potenziellen Azubis Mathe- und Deutschkenntnisse sowie technisches Verständnis überprüfen.

Mit dem Projekt „Chance Grenzregion“ wollen Sie Jugendliche aus Polen zu einer Lehre in Deutschland überreden und so die Lücke füllen. Wie gehen Sie da vor?

Im September ist die IHK mit einem Stand auf einer Bildungsmesse in Stettin vertreten. Dort haben auch Unternehmer aus der Region die Möglichkeit, für sich zu werben. Im kommenden Jahr werden wir auch verstärkt auf polnischen Bildungsmessen aktiv sein, um Fachkräfte für die Region zu werben. Dazu gilt es aber zunächst rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen zu vereinbaren.

Wie optimistisch sind Sie?

Grenzüberschreitende Ausbildungskooperationen unterstützen wir seit 2006. Bis dato konnten wir aber noch keinen polnischen Azubi gewinnen. Das wird auch schwer bleiben. Polen hat schließlich genau das gleiche Demografieproblem wie wir. Außerdem ist unser System der dualen Ausbildung in Polen nicht so bekannt und findet nur schwer Akzeptanz.

Wie schätzen Sie die Zukunft ein?

Das Problem Azubimangel wird sich noch weiter verschärfen. Im schlimmsten Fall ziehen sich Unternehmen aus der Region zurück, da das nötige Potenzial an Fachkräften fehlt.

Hartmut Schäfer (51) ist Geschäftsbereichsleiter bei der IHK Projektgesellschaft in Frankfurt (Oder), die Strategien zur Fachkräftesicherung entwickelt. Mit ihm sprach Moritz Honert.

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