Wirtschaft : „Das Rad wird mehrfach erfunden“

Studie belegt ineffiziente Förderung der Elektromobilität in Deutschland

von

Berlin - Die Bundesregierung hat den Elektrotrend in der Automobilindustrie erkannt, setzt aber die falschen und zu wenige Schwerpunkte bei der Förderung. Es bestehe deshalb die Gefahr, dass Deutschland „beim Zukunftsthema Elektromobilität international Wettbewerbsfähigkeit verliert“, warnte Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer am Dienstag in einer Studie. Das Ziel der Regierung, im Jahr 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf die Straße zu bringen, sei nicht zu erreichen, sagte der Leiter des Car (Center Automotive Research) an der Universität Duisburg-Essen voraus. 600 000 seien realistisch. Deutschland entgingen zudem wichtige Impulse für den Arbeitsmarkt. Allein auf dem Markt für Hochleistungsbatterien könnten in Deutschland bis 2025 gut 100 000 zusätzliche Jobs entstehen – vorausgesetzt, die industrielle Umsetzung werde jetzt beschleunigt.

Eine stärkere Förderung hält auch VW-Chef Martin Winterkorn für nötig. Die Autoindustrie könne den Wechsel zum Elektromotor nicht allein bewältigen, sagte der VW- Chef in den USA (siehe Artikel rechts). Fortschritte seien nur bei einer gemeinsamen Anstrengung von Autobauern, Energiekonzernen und der Politik auf nationaler und europäischer Ebene möglich.

Hintergrund der Kritik ist der enorme Wettbewerbsdruck, der insbesondere in China aufgebaut wird. Die Pekinger Regierung fördert die Elektromobilität mit umgerechnet rund zehn Milliarden Euro – sowohl bei der Forschung und Entwicklung als auch bei der Verkaufsförderung von E-Autos. Käufer von Elektroautos bekommen einen staatlichen Zuschuss von umgerechnet bis zu 6 000 Euro. Auch die US-Regierung hat ein milliardenschweres Förderprogramm aufgelegt. Aktiver als die Deutschen sind in Europa auch die Franzosen. Die Bundesregierung hatte hingegen nach dem Elektro-Gipfel bei Kanzlerin Angela Merkel Anfang Mai die Fördersumme des Bundes von insgesamt 500 Millionen Euro nicht aufgestockt.

Dudenhöffer bemängelt, dass die Förderung deutlich hinter anderen wichtigen Regionen wie Asien und den USA hinterherhinke und zu stark föderalistisch auf Kleinprojekte ausgerichtet sei. Die Unterstützung von acht deutschen Modellregionen, die unter Federführung des Verkehrsministeriums mit einem Gesamtbudget von 115 Millionen Euro ausgestattet würden, belege zum Beispiel, dass in Deutschland in „Gießkannenmanier“ gefördert werde und nicht, indem einzelne „Leuchtturmprojekte“ herausgegriffen würden. „Das Rad wird simultan mehrfach erfunden“, kritisierte Dudenhöffer.

Gleichzeitig werde versäumt, attraktiver für die strategisch wichtige Lithium- Ionen-Zellproduktion für Autos zu werden. Nur zwei Prozent davon seien in Deutschland angesiedelt, obwohl 20 Prozent der Weltautoproduktion auf deutsche Autobauer entfielen. Der Markt für Hochleistungsbatterien kann nach Dudenhöffers Annahmen bis 2015 ein weltweites Volumen von 130 Milliarden Euro erreichen. Deutschland müsse die Chance nutzen und etwa ein Viertel dieses Marktes bedienen.

Ähnliche Kritik an der ineffizienten und bürokratischen Förderung der Elektromobilität hatte vor einigen Wochen der Bundesrechnungshof geübt. Er hatte unter anderem darauf hingewiesen, dass parallel über drei Projekte Batterietechnik erforscht werde. Es fehle ein „Kompetenznetzwerk“. Am 3. Mai hatte die Bundesregierung eine Nationale Plattform Elektromobilität aus der Taufe gehoben und verschiedene Arbeitsgruppen eingerichtet.

Der Leiter der Nationalen Plattform Elektromobilität, Henning Kagermann, hält nichts von staatlichen Prämien in Deutschland. Sie schafften möglicherweise zwar kurzfristige Nachfrageimpulse. „Was wir aber tatsächlich brauchen, ist eine langfristig wirksame Strategie, kein Strohfeuer“, erklärte Kagermann der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Es gebe einen Kernbestand potenzieller Kunden, denen die Vorteile eines Elektroautos auch einen Mehrpreis wert seien. Allerdings werde es ganz ohne Förderung nicht gehen. „Für einen schrittweisen Ausbau der Elektromobilität bis 2020 sollten wir uns darauf konzentrieren, welche Anreize für alle Akteure wirklich sinnvoll sind“, sagte Kagermann. Anreize könnten von Steuervorteilen bis zum Straßenverkehrsrecht reichen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar