Wirtschaft : Das Reich der Mitte steht vor den größten Reformen seit zwanzig Jahren

Harald Maass

Nach zwei Jahrzehnten Reformpolitik setzt China zum bisher größten Schritt in Richtung Marktwirtschaft an. Der geplante Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO Mitte 2000 soll die erlahmte Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Auch Hongkong und Taiwan wollen davon profitieren. Zwar muss Peking noch die Verhandlungen mit der Europäischen Union und einer Reihe von Einzelstaaten abschließen, bis zur Jahresmitte dürfte Chinas WTO-Mitgliedschaft jedoch abgeschlossen sein.

Für die Volksrepublik, bis heute offiziell ein sozialistischer Staat, wird es der größte Einschnitt seit Beginn der Reformära 1979 sein: Von der Autoindustrie über Versicherungen bis zum Bankwesen - in allen Wirtschaftszweigen werden Schutzzölle und Handelshemmnisse abgebaut. Chinas Staatsbetriebe, bislang von der Regierung abgesichert, müssen sich in Zukunft mit ausländischen Weltfirmen messen.

Glaubt man Pekings Staatsmedien, wird der Eintritt in die WTO dem Land nur Vorteile bringen. Der Abbau von Zollbarrieren und der vereinfachte Handel würden "neue Impulse für die Wirtschaft" bringen und die Exporte vermehren, schreibt die "Volkszeitung". Die Konkurrenz aus dem Ausland soll die Staatsindustrie zum notwendigen Strukturwandel zwingen. Zusätzliche zwei bis drei Prozent Wachstum soll dies im ersten Jahr bringen, lauten die optimistischen Prognosen chinesischer Experten. Der Pekinger Wirtschaftsprofessor Hai Wen rechnet mit 12 Millionen zusätzlichen Arbeitsplätzen durch den WTO-Beitritt.

Die Wirtschaft lahmt

Chinas Wirtschaft kann den Anschub gut gebrauchen. Seit der Asienkrise ist der Schwung erlahmt. 1999 wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der amtlichen Voraussage nach um 7,3 Prozent steigen. Für ein Entwicklungsland wie China mit einer ständig wachsenden Bevölkerung ist dies zu wenig. Der Wandel von der Plan- zur Marktwirtschaft sorgt für sozialen Zündstoff. Etwa 20 Millionen Menschen in Chinas Städten sind arbeitslos, Millionen Bauern verlassen ihre Felder, um als Wanderarbeiter in die industrialisierten Küstengebiete zu ziehen. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendwo im Riesenreich Arbeitslose gegen die KP-Regierung demonstrieren.

Zumindest kurzfristig könnte der WTO-Beitritt die Probleme noch verschärfen. Um mit den ausländischen Weltfirmen mithalten zu können, müssen die Staatsbetriebe, die noch immer rund die Hälfte aller Chinesen beschäftigen, in den nächsten Jahren Millionen weitere Angestellte auf die Straße setzen. Allein 500 000 Stellen wird die chinesische Autoindustrie streichen müssen.

Lokomotive für die Region

Trotz der bitteren Medizin wird sich Chinas Einbindung in den Welthandel jedoch positiv auswirken. Als Exportnation wird China vor allem von dem besseren Zugang auf die Weltmärkte profitieren. In Hongkong und Taiwan ist man zuversichtlich, dass Chinas Wachstum die ganze Region mitziehen wird. Der Hongkonger Hang Seng-Aktienindex erreichte an Weihnachten mit 16 833 Punkten einen neuen Höchststand. Für das kommende Jahr erwarten Beobachter einen Anstieg auf über 20 000.

Am Ende eines wechselhaften Jahres herrscht in Hongkong wieder Optimismus. Nachdem 1998 das Bruttoinlandsprodukt um 5,1 Prozent schrumpfte, konnte für das dritten Quartal 1999 wieder ein Wachstum von 4,5 Prozent verzeichnet werden. Für das Gesamtjahr hat die Regierung der Sonderverwaltungszone das erwartete Wachstum von plus 0,5 auf plus 1,8 erhöht. Auf Wachstum stehen auch die Zeichen in Taiwan. Trotz des Erdbebens, das im Herbst Teile der Computerproduktion lahmgelegt hatte und einen Gesamtschaden von 14 Milliarden US-Dollar verursachte, wird das BIP 1999 um 5,5 Prozent steigen. Für das kommende Jahr erwarten Beobachter ein Wachstum von 6,1, für 2001 von 6,3 Prozent. Zusätzlichen Schub dürfte auch Taiwans erwarteter Eintritt in die WTO bringen. Aus politischen Gründen hatte Peking bislang Taipehs Mitgliedschaft verhindert. Mit Chinas Beitritt im kommenden Jahr ist nun auch für Taiwan der Weg frei.

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