Wirtschaft : Das riskante Kalkül des Hartmut Mehdorn

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Marktwirtschaftlich macht das alles natürlich keinen Sinn“, erklärte Bahnchef Hartmut Mehdorn am Mittwoch in Berlin den staunenden Journalisten. Mit anderen Worten: Die Rückkehr zum alten Preissystem kommt für die Bahn teuer – und ist eine Niederlage für diejenigen, die die ExBehörde in Bundesbesitz auf mehr Marktwirtschaft trimmen wollten.

Denn das war der Grund, warum die Bahn überhaupt ein neues System eingeführt hatte: Die Frühbucher-Rabatte mit der Festlegung auf bestimmte Züge sollten dafür sorgen, dass nicht mehr durchschnittlich sechs von zehn Sitzen in den Waggons leer bleiben. Vollere Züge sollten der Bahn mehr Planbarkeit und den Kunden mehr Komfort verschaffen – denn überfüllte Züge wie an Wochenenden sind vielen ein Gräuel. Doch der Versuch, die Kunden zu erziehen, schlug fehl. „Das hat nicht funktioniert“, räumte Mehdorn ein. Nun will die Bahn die Auslastung mit anderen Mitteln steigern.

Damit darf sie sich nicht mehr allzu lange Zeit lassen. Die Entwicklung im Fernverkehr macht dem Unternehmen Sorgen: Gegenüber dem Vorjahr blieb der Umsatz um 13,6 Prozent zurück, den eigenen Plan verfehlte die Bahn gar um 21,2 Prozent. Vor allem deshalb liegt der Umsatz des Gesamtkonzerns um 4,6 Prozent hinter dem Plan zurück, bis Ende Mai sind bereits 231 Millionen Euro Betriebsverlust aufgelaufen. Bis Jahresende will der Konzern diesen Rückstand wieder aufgeholt haben. Im kommenden Jahr soll es dann schwarze Zahlen geben, sagt Mehdorn.

Daran dürfte insbesondere der Bund ein Interesse haben – sein Interesse, weitere Verluste der Bahn zu tragen, dürfte gegen Null tendieren. Zudem hatte Mehdorn stets angekündigt, die Bahn fit für die Börse machen zu wollen. An diesem Vorhaben will er festhalten, obwohl es zurzeit wohl keinen Investor geben dürfte, der bei einem Unternehmen einsteigt, das elf Milliarden Euro Schulden mit sich herumschleppt und das schlechteste Image aller deutschen Großkonzerne aufweist. „Dies ist die letzte Chance für Mehdorn – wenn die Zahlen nicht besser werden, bekommt er ein Problem“, heißt es in Konzernkreisen.

Einhalten will Mehdorn seine Planung, indem er stärker spart und „die eine oder andere Investition verschiebt“. Nun muss er auch noch die Zugeständnisse finanzieren, die er mit der Wiedereinführung der Bahncard 50 macht: Zwar könnten so wieder mehr Leute Zug fahren. Die Profitabilität wird aber so nicht gestärkt, denn die hohen Rabatte sind teuer. Wie teuer, das weiß selbst Mehdorn nicht – „wir hatten keine Möglichkeit, das zu simulieren“, versichert er. Er verstehe aber die Aufregung nicht, wiegelt Mehdorn ab. „Probleme haben wir nur bei Strecken über 500 Kilometer Entfernung. Die machen nur drei Prozent vom Umsatz aus.“ Richten müssen es nun andere Konzernteile – vor allem die profitable Logistiksparte Stinnes, die die Bahn 2002 gekauft hatte. brö

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