Wirtschaft : Das spirituelle Kapital

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Dass die Wege des Herrn unergründlich sind, ist bekannt. Darum haben Volkswirte wohl auch solche Probleme, „Ihn“ in ihre Gleichungen einzufügen. Mangelndes Interesse ist es nicht, wie kürzlich eine Konferenz in Cambridge zeigte. Unterstützt von der Stiftung des religiös geprägten Investmentbankers John Templeton und ausgerichtet vom Metanexus Institut für Religion und Wissenschaft haben Geistes und Wirtschaftswissenschaftler die Auswirkungen von Religion auf Gesellschaft und Wirtschaft untersucht. Ein neues interdisziplinäres Feld namens „spirituelles Kapital“ soll entstehen. Die Idee erwächst aus der Tatsache, dass die USA als freieste, modernste und wohlhabendste Nation zugleich eine der religiösesten ist.

Die Wirtschaftler hatten Interessantes beizutragen. So sagte Nobelpreisträger Gary Becker: „Auch wenn Märkte unter widrigsten Bedingungen funktionieren können, ist es kein Zufall, dass sie in Ländern angelsächsischer Herkunft am besten funktionieren – eine Botschaft, über die Vladimir Putin in diesen Tagen nachdenken sollte. Sie trifft auch im überwiegend chinesischen Hongkong oder im größtenteils weißen Neuseeland zu.“

Für Becker ist der Schlüssel, um das Beste aus einer Religion hervorzubringen, das kapitalistische Prinzip Wettbewerb. „Jede Religion strebt nach einer Monopolstellung – wie jedes Unternehmen“, sagt er. „Aber der Wettbewerb zwingt sie, ‚besser’ zu sein.“ Da sich die Religionen um Einfluss streiten, müssen sie Überredung einsetzen – und nicht Zwang. Immer wieder wurde untersucht, wie Religion Erfolg befördert oder behindert. Es stellt sich jedoch eine weit interessantere Frage, die Francis Fukuyama in seinem Buch „Vertrauen“ stellt: nach der Rolle, die Religion in einer neuen Gesellschaft spielt, die Tugenden tatsächlich belohnt.

Gläubige verkriechen sich meist, wenn man dem Glauben mit dem Metermaß der sozialen Brauchbarkeit zu Leibe rückt. Religionen wollen nicht nützlich sein, sondern wahr. Dennoch kann etwas, was der Seele gut tut, auch im Hier und Jetzt positiv wirken. So gibt es Volkswirte, die den Bärendienst erkennen, der ihrem Fach von denjenigen getan wird, die den Reichtum menschlichen Verhaltens auf das eindimensionale, gewinnmaximierende Individuum reduzieren, das nur von Gewinnsucht angetrieben wird.

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