Wirtschaft : Das tägliche Chaos

Unter den Taliban gab es in Kabul nur ein paar Autos. Jetzt explodiert die Zahl der Verkehrsteilnehmer – und die Zahl der Unfälle

Philip Shiskin

Der deutsche Autobahnpolizist Wilhelm Borgert hupt heftig, doch den ramponierten weißen Sedan, der versucht, sich vor seinen Jeep zu drängeln, beeindruckt das nicht im Geringsten. „Das ist eine Einbahnstraße, aber es fahren immer Fahrzeuge in die falsche Richtung“, schimpft Borgert. Der Mann ist in Kabul, um die afghanische Regierung bei der Polizeireform zu beraten – und zweifelt inzwischen selbst an der afghanischen Verkehrsmoral: Auch er hat angefangen, in die falsche Richtung zu fahren. „Es geht eindach schneller", sagt er.

Unter der Herrschaft der Taliban begegnete man auf den Straßen Kabuls, von denen nur einige befestigt sind, allenfalls einmal einem Pick-up mit bewaffneten Männern. Kaum zwei Jahre später hat die wachsende afghanische Hauptstadt ungefähr 90000 registrierte Fahrzeuge, 33000 Taxen sowie Busse, Lastwagen, Autos aus der Provinz und Fahrzeuge ohne Nummernschilder.

Kabuls neue Autokultur spiegelt das Durcheinander einer Stadt wieder, die durch einen drastischen sozialen und ökonomischen Wandel und vorherrschende Instabilität aufgewühlt wird. Die Explosion des Verkehrs überfordert Straßennetz und Polizei gleichermaßen und erfüllt die Luft mit Abgasen. „Es ist wie bei der Chaostheorie“, sagt der Autobahnpolizist Borgert milde, „Die Dinge ordnen sich irgendwie selbst.“

In einem ausgebombten Gebäude unterschreibt Muhammed Aref schnell einen dicken Stapel neuer Fahrzeuganmeldungen. „Obwohl ich das unterschreibe, bin ich total dagegen", sagt Oberst Aref, stellvertretender Chef der Kabuler Verkehrspolizei. Er beschwert sich darüber, dass die Stadt viel zu viele Fahrzeuge hat und dass die Leute ihre mageren Ersparnisse törichterweise für Autos ausgeben. „Statt all diese Fahrzeuge zu kaufen, sollten Fabriken gebaut werden", beschwert er sicht.

Viele in Kabul haben in der Hoffnung, sich als Taxifahrer etwas dazu zu verdienen, ein Auto gekauft. Das Taxigewerbe ist eine der wenigen wachsenden Branchen in einer Stadt, die fast drei Millionen Einwohnern und ein schlechtes öffentliches Verkehrssystem hat.

Kabuls Straßen sind inzwischen ein Meer von Gelb, der Farbe der Taxifahrerzunft. In den vergangenen zwei Jahren hat Abdullah, ein Kfz-Mechaniker, der wie viele Afghanen nur den Vornamen benutzt, eine steigende Nachfrage für Gelb beobachtet. „Einmal gab es einen drastischen Mangel an gelber Farbe und für drei Tage mußten wir uns nach einem weiteren Lieferanten umsehen", berichtet er.

Die Taxifahrer fahren wild hupend in der Stadt herum und befördern oft drei oder vier Fahrgäste. Manchmal quetschen sich noch zusätzliche Passagiere in die Heckklappe, weil die Afghanen oft in Gruppen reisen und sich dann den Fahrpreis teilen. Eine Fahrt durch die Stadt kann bis zu drei US-Dollar (2,78 Euro) kosten. Ein Polizeibeamter verdient gerade einmal 60 US-Dollar im Monat. Vergeblich hat das Verkehrsministerium versucht, die Taxiflut einzudämmen. So lehnte sie es ab, weitere Fahrzeuge zu registrieren. Außerdem ging sie hart gegen die Taxen aus der Provinz vor, die illegal in die Stadt strömen.

An dem Verkehr in Kabul kann man zudem die Geschichte des Landes studieren. Die allgegenwärtigen alten Busse mit der deutschen Aufschrift „Reisebüro“ zeugen von der engen Verbindung des Landes zu Deutschland in den 50er- und 60er-Jahren. Das Leben unter sowjetischer Besatzung in den 80er-Jahren wird festgehalten durch ramponierte Wolgas, zigarrenförmige sowjetische Autos, die einst ein Statussymbol für die Elite der kommunistischen Partei waren. Und heute wird das Straßenbild beherrscht von bewaffneten Mannschafts-Transportfahrzeugen mit UNO-Soldaten.

Viele der Autos im Land werden rechts gesteuert, insbesondere alte Toyotas und jetzt billig importierte Fahrzeuge aus Asien. Gefahren wird jedoch, wie in den USA und Kontinentaleuropa, auf der rechten Straßenseite. Dadurch wird das Fahren in Kabul noch unlogischer und gefährlicher. Ein simples Überholmanöver, bei dem der Fahrer sein Auto leicht nach links lenkt, um den entgegen kommenden Verkehr zu beobachten, erfordert hier ein wildes Lenken auf die Gegenfahrbahn oder riskantes blindes Überholen.

„Das verursacht Unfälle, weil sie einfach nichts sehen können", empört sich Oberst Aref, der einen linksgesteuerten Wolga fährt. Ernste Unfälle sind in Kabul aber selten, weil die überfüllten, engen Straßen die Autofahrer ohnehin zum Kriechen zwingen. Doch Unfälle mit Blechschäden oder kaputte Lichter sind dort an der Tagesordnung, wo Autos in unmöglich engen Straßen aneinander vorbeifahren müssen. Alle Versuche des Staates, die Zahl der rechtsgesteuerten Fahrzeuge zu verringern, haben nur dazu geführt, dass die Preise für diese Fahrzeuge nach unten gingen und sie umso attraktiver für Neueinsteiger im Hauptstadtverkehr wurden.

Der Verkehrspolizist Mohammed Nayeb leitet morgens die Autos, die aus allen Richtungen in die Stadt kommen, in einen Kreisverkehr im Zentrum Kabuls. Mit nur 500 Verkehrspolizisten, veralteten Radios und überholter Ausrüstung, sagt er, hätte die Kabuler Polizei es schwer, mit dem Verkehr fertig zu werden. „Menschen, die kaum Geld für Brot haben, sparen und kaufen sich ein Auto“, sagt Nayeb, der selbst kein Auto besitzt und angesichts des Chaos auf den Straßen fassungslos den Kopf schüttelt . „Ich weiß auch nicht, wie unsere Straßen das noch verkraften sollen.“

Übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Irak), Svenja Weidenfeld (Kabul), Christian Frobenius (Euro), Matthias Petermann (EZB, Stiglitz)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben