Wirtschaft : „Das übertrifft alles, was ich je gesehen habe“

Nicht nur Ex-Notenbankchef Greenspan ist angesichts täglich neuer Hiobsbotschaften an den Finanzmärkten geschockt. Chronik einer Krise

Maren Peters

MONTAG, 15.09.

Das ganze Wochenende hatten US-Finanzminister Henry Paulson und die Chefs der großen US-Banken fieberhaft an einer Auffanglösung gearbeitet, doch am Ende ist alles vergeblich: Lehman Brothers, die viertgrößte Investmentbank der USA, muss Konkurs anmelden. Nicht nur sie: Auch Merrill Lynch ist am Ende und wird von der Bank of America aufgekauft. Zudem kursieren Gerüchte über dramatische Probleme beim größten US-Versicherer AIG. Um die Folgen der Krise zu dämpfen, pumpen führende Zentralbanken in einer einzigartigen Hilfsaktion Milliarden in die Märkte. Auch zehn internationale Banken legen 70 Milliarden Euro in einen internationalen Fonds, um sich gegenseitig zu helfen. Doch das alles kann den Absturz nicht verhindern. Der Dow-Jones-Index der wichtigsten US-Industriewerte erlebt einen der schlimmsten Handelstage seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001: Um mehr als 500 Punkte brechen die Kurse ein. „Das übertrifft ohne Zweifel alles, was ich je gesehen habe, und es ist noch längst nicht vorbei“, kommentiert der früherere US-Notenbankchef Alan Greenspan.

MITTWOCH, 17.09

Aus Angst vor einer weiteren Pleite stellt die US-Regierung dem ums Überleben kämpfenden Versicherungskonzern AIG einen Notfallkredit von 85 Milliarden Dollar zur Verfügung. Im Gegenzug übernimmt sie die Kontrolle bei dem Konzern, der 100 000 Mitarbeiter beschäftigt. An der Wall Street herrscht nackte Angst. Der Dow-Jones-Index rauscht erneut in die Tiefe: minus 449 Punkte. Auch Deutschland bleibt von den Folgen nicht verschont. Für die deutsche Tochter der insolventen Bank Lehman Brothers muss der Einlagensicherungsfonds der Banken mit sechs Milliarden Euro einspringen. Am Mittwoch wird zudem bekannt, dass die staatliche Förderbank KfW noch am Montag 350 Millionen Euro an Lehman überwiesen hatte. Die US-Bank war da bereits pleite. Das Geld ist wahrscheinlich weg.

DONNERSTAG, 18.09.

Die Lage spitzt sich zu: Auch die US-Investmentbank Morgan Stanley sucht verzweifelt nach einem Retter. Der schwer angeschlagene britische Baufinanzierer Halifax Bank of Scotland (HBOS) wird vom Konkurrenten Lloyds TSB übernommen. Zu diesem Zeitpunkt sucht auch die größte US-Sparkasse Washington Mutual, die zu den führenden Baufinanzierern in den USA zählt und damit von der Immobilienkrise besonders stark getroffen wird, schon nach Käufern.

FREITAG, 19.09.

Im Kampf gegen die ausufernde Finanzkrise kündigt die US-Regierung ein milliardenschweres Rettungspaket an. Zunächst ist von einer halben Billion Dollar die Rede, einen Tag später gibt die Regierung bekannt, dass es um 700 Milliarden Dollar geht. Die Börsen reagieren euphorisch – mit einem Kursfeuerwerk.

SONNTAG, 21.09.

Die demokratische Mehrheit im US-Kongress signalisiert grundsätzlich Unterstützung für das Rettungspaket des Präsidenten, verlangt aber angesichts der immensen Lasten, die auf den Steuerzahler zukommen, zusätzliche Hilfen für Hausbesitzer. Derweil fordert der amerikanische Finanzminister Paulson erstmals auch andere Staaten auf, einen ähnlichen Rettungsplan aufzulegen. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) lehnt ab. „Wir haben in Deutschland ein stabiles Bankensystem“, versichert er.

FREITAG, 26.09.

Die US-Sparkasse Washington Mutual ist endgültig am Ende. Auf Drängen der US-Regierung wird sie zum Schnäppchenpreis von 1,9 Milliarden Dollar an den Finanzkonzern JP Morgan Chase verkauft. Es ist bislang die größte Bankenpleite in der US-Geschichte. Washington Mutual gilt als Symbol für die Auswüchse des Hypothekenbooms, der im Sommer 2007 die Finanzkrise ausgelöst hatte. JP Morgan hatte im Frühjahr bereits die Investmentbank Bear Stearns zum Discountpreis geschluckt. Nachdem auch Merrill Lynch und Lehman Brothers vom Markt verschwunden sind, werden die beiden verbliebenen Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley auf Druck der US-Regierung zu normalen Geschäftsbanken degradiert und der geregelten Bankenaufsicht unterstellt.

SONNTAG, 28.09

Nach schwierigen Verhandlungen einigen sich Republikaner und Demokraten im US-Kongress endgültig auf das Rettungspaket – so scheint es zumindest. Aber schon gibt es neue Hiobsbotschaften: Nach Milliardenverlusten und einem Kurssturz steht inzwischen auch die US-Großbank Wachovia zum Verkauf. In Deutschland sickert durch, dass auch den Landesbanken BayernLB, LBBW und HSH Nordbank durch die Pleite von Lehman Brothers hohe Verluste drohen.

MONTAG, 29.09.

Wer geglaubt hatte, das Schlimmste sei bereits überstanden, wird an diesem Montag eines Besseren belehrt. Nachdem das US-Repräsentantenhaus das 700-Milliarden-Paket überraschend hatte scheitern lassen – mehr als zwei Drittel der Republikaner hatten dagegen gestimmt –, gerät die Finanzkrise völlig außer Kontrolle. Investoren ziehen in Panik ihr Geld von den Börsen ab, mit dramatischen Folgen: Der Dow Jones der wichtigsten Industriewerte fällt bis zum Abend um 778 Punkte. Das ist der stärkste Einbruch, den die Wall Street je erlebt hat. Auch in Europa wird das Ausmaß der Krise immer gewaltiger. In einer dramatischen Rettungsaktion schnürt die Bundesregierung in der Nacht zum Montag ein Rettungspaket für den angeschlagenen Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate und bewahrt den Dax-Konzern damit vor der drohenden Pleite. Staat und private Banken übernehmen zusammen eine Bürgschaft von 35 Milliarden Euro. Ohne diesen Schritt könnte das gesamte deutsche Finanzsystem kollabieren, befürchten Bundesregierung und Bundesbank. Für den Steuerzahler ist das doppelt bitter: Denn ausgelöst worden waren die Probleme der Hypo Real Estate durch deren vermutlich aus Steuergründen nach Irland ausgelagerte Tochter Depfa. Doch nicht nur in Deutschland sehen sich die Regierungen zu massiven Eingriffen gezwungen. Die belgisch-niederländische Finanzgruppe Fortis wird nach großen Verlusten an der Börse mit 11,2 Milliarden Euro vom Staat gestützt und teilweise verstaatlicht. Das gleiche Schicksal ereilt die britische Hypothekenbank Bradford & Bingley, die vor der Pleite stand. Und im hohen Norden kaufen die schwedische Nordea AB, die dänische Spar Nord Bank und Arbejdernes Landsbank Teile der ins Schlingern geratenen Roskilde Bank. Auch Island bleibt nicht von der Finanzkrise verschont. Die isländische Regierung sieht sich gezwungen, die Kontrolle über die taumelnde Glitnir Bank zu übernehmen.

FREITAG, 03.09.

Im zweiten Anlauf stimmt das US-Repräsentantenhaus dem Rettungspaket zu. Mit dem Geld kann der Staat den Finanzinstituten faule Hypothekenpapiere abkaufen – in der Hoffnung, damit das System zu stabilisieren. Präsident George W. Bush warnt aber vor zu hohen Erwartungen: „Es wird eine Weile dauern, bis dieses Gesetz sich richtig auf die Wirtschaft auswirkt.“ Derweil ist auch endlich ein Käufer für die angeschlagene amerikanische Regionalbank Wachovia gefunden. Sie wird für 15 Milliarden Dollar (11 Milliarden Euro) von der US-Bank Wells Fargo übernommen. Alles scheint also auf gutem Weg, bis am Samstagabend durchsickert, dass die deutsche Hypo Real Estate kurzfristig viel mehr Geld braucht als befürchtet: Statt 35 Milliarden Euro seien 50 Milliarden nötig. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) weilt zu dieser Zeit bei einem Krisentreffen in Paris. Die Idee eines von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy geforderten gemeinsamen europäischen Rettungsfonds lehnt sie vorerst noch ab.

SONNTAG, 05. 10.

Regierung und Banken in Deutschland schnüren in zähen Verhandlungen ein neues Rettungspaket für die Hypo Real Estate, diesmal im Umfang von 50 Milliarden Euro. Um die Bürger zu beruhigen, kündigt die Bundeskanzlerin eine Staatsgarantie für alle Spareineinlagen an – und schreckt damit viele auf, die ihr Erspartes bislang sicher geglaubt hatten. Für den belgisch-niederländischen Finanzkonzern Fortis wird derweil eine Lösung gefunden. Er wird zu 75 Prozent von der französischen Großbank BNP Paribas übernommen.

MONTAG, 06.10.

Immer größer wird die Sorge, dass die Finanzkrise die gesamte Wirtschaft in eine Rezession stürzen könnte. Die Autobranche drosselt bereits die Produktion. Die Angst schlägt sich wieder einmal massiv an den Börsen nieder. Der Dax verliert an diesem Montag mehr als sieben Prozent, der Dow Jones zeitweise mehr als 800 Punkte und damit so viel wie noch nie an einem einzigen Tag.

DIENSTAG, 07.10.

In Island steht erstmals seit Beginn der Krise die Zukunft eines ganzen Landes auf dem Spiel. Um den Staatsbankrott abzuwenden, übernimmt das Land die Kontrolle über seine Banken. Zur Rettung ihrer Finanzinstitute legen auch Großbritannien und Spanien milliardenschwere Hilfspakete auf. Die Lage sei „so ernst wie noch nie“, sagt Kanzlerin Merkel bei einer Regierungserklärung.

MITTWOCH, 08.10.

In einer konzertierten Aktion senken die wichtigsten Notenbanken der Welt die Leitzinsen um einen halben Prozentpunkt. Das hat es zuletzt nach den Anschlägen im September 2001 gegeben. Um die Stabilität auf dem Finanzmarkt wiederherzustellen, kündigt die britische Regierung die Teilverstaatlichung von acht der größten Banken an. Selbst das kann den Börsen nur kurz helfen: Am Ende des Tages stürzen sie wieder ins Minus. Der Internationale Währungsfonds sagtDeutschland eine Rezession voraus.

DONNERSTAG, 09.10.

Wegen der Finanzkrise sagt die Regierung den für Ende Oktober geplanten Börsengang der Deutschen Bahn ab. In den USA stürzt der Dow Jones erneut um sieben Prozent ab.

FREITAG, 10.10.

Schwarzer Freitag an den Börsen. Der Dax verliert zeitweise zwölf Prozent und schließt sieben Prozent im Minus. Auch im Rest Europas und in Asien stürzen die Börsenkurse ab. Finanzminister Peer Steinbrück kündigt einen Rettungsplan für die deutsche Bankenbranche an. Für Sonntag verabreden sich die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone zu einem Krisengipfel in Paris. Maren Peters

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