Wirtschaft : Das verbotene Brötchen

303886_3_xio-fcmsimage-20091008224321-006007-4ace4ee9bc29a.heprodimagesfotos84120091009imago-53156824.jpg
Diebstahl ist es, wenn man nimmt, was einem nicht gehört. Doch die Erkenntnis kommt manchmal zu spät. Foto: Imago

Kündigungen wegen Kleinigkeiten lösen öffentliche Empörung aus. Aber die Rechtsprechung ist eindeutig

Berlin - Maultaschen, Buletten, Brotaufstrich: Solche kleinen Leckereien beschäftigen immer wieder deutsche Arbeitsgerichte. Stets geht es in den Prozessen um Mitarbeiter, denen fristlos gekündigt wurde. Ihre Chefs vertraten die Meinung, die Angestellten hätten die Firma bestohlen, als sie Lebensmittel verzehrten, die ihnen nicht gehörten. In der Öffentlichkeit sorgten viele dieser Fälle für heftige Debatten – von Emmely in Berlin bis zum jüngsten Buletten- und Brötchendiebstahl in Dortmund.

„Keine Frage, die Sensibilität für das Thema hat zugenommen“, sagt Michael Eckert, Arbeitsrechtler aus Heidelberg und im Vorstand des Deutschen Anwaltvereins in Berlin.

Juristisch seien die Fälle jedoch eindeutig. „Diebstahl ist erstmal Diebstahl“, erklärt der Experte. Prinzipiell sei es also egal, ob jemand ein Brötchen aus der Auslage, eine Packung Druckerpapier aus dem Lager oder 50 000 Euro aus der Firmenkasse entwende. Entscheidend sei, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer fortan gestört sei.

Allerdings prüften die Gerichte, wenn sich die Gefeuerten wehren, jeden Einzelfall und die jeweilige Verhältnismäßigkeit. Betroffenen empfiehlt Eckert also, einen Fachanwalt zu konsultieren.

Bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände bittet man um Verständnis, dass man sich nicht zu Einzelfällen äußern wolle. „Generell sehen wir aber keinen Grund, an der in Jahrzehnten gewachsenen Rechtsprechung etwas zu ändern“, erklärte ein Sprecher.

Angesichtes einer solchen Einstellung gerät der stellvertretende Parteivorsitzende der Linken, Klaus Ernst, in Rage: „In Deutschland wird mit zweierlei Maß gemessen“, schimpft er. Dass eine Kassiererin wegen 1,30 Euro gefeuert werde, ein verurteilter Steuerhinterzieher wie Klaus Zumwinkel jedoch zwanzig Millionen Euro Rente bekomme, zerstöre das Vertrauen der Bürger in den Staat. Grundsätzlich sei auch seine Partei für eine Einzelfallprüfung, würden die Gerichte jedoch auch Urteile fällen, bei denen die Strafe in keinem Verhältnis zum Vergehen stehe, müsse eine grundsätzliche Gesetzesänderung erwogen werden.

Die Gewerkschaft Verdi hat konkrete Ideen, wie eine solche Änderung aussehen könnte. Zum Beispiel sollten heute zulässige Verdachtskündigungen in Zukunft ausgeschlossen werden. „Es muss gelten: Im Zweifel für den Angestellten“, fordert Verdi-Anwalt Helmut Platow. Außerdem wäre die Einführung eines verbindlichen Arbeitsvertragsgesetzbuchs hilfreich.

Trotz der zum Teil großen Entrüstung – und auch weil natürlich nicht ausgeschlossen werden könne, dass Arbeitgeber die Bagatellen nutzen, um ungewollte Angestellte loszuwerden –, glaubt Arbeitsrechtler Eckert nicht, dass sich kurzfristig etwas an der derzeitigen Praxis ändert. „Festzulegen, dass Diebstahl unter einem bestimmten Betrag nicht geahndet wird, würde das völlig falsche Signal aussenden“, findet er. Das sei ein Freibrief zum Diebstahl. Moritz Honert

    Ein Service von
    Angebote und Prospekte von kaufDA.de

Umfrage

Facebook geht an die Börse. Was halten Sie vom spektakulärsten Börsengang des Internetzeitalters?

Weitere Themen

Immobilien

Eigenheimfinanzierung, Mietrecht, Immobilienmarkt und mehr.

Zur Immobilienseite des Tagesspiegel.
Service
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Umfrage

Kaufen Sie noch Produkte aus Massentierhaltung?

Beratersuche

Hier schlau machen!

Von Kunden empfohlene Finanzberater vergleichen und finden. Vergleichen Sie bei WhoFinance über 1000 Berater mit über 8000 Bewertungen.

Hier schlau machen!

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite
Foto:

Berlin maximal ist da - das erste Magazin für alle Aktiven der Berliner Wirtschaft.

    www.berlin-maximal.de