Wirtschaft : Das Vertrauen in die Finanzmärkte steht auf dem Spiel

ANITA RAGHAVAN MITCHELL PACELLE

Die Federal Reserve Bank kämpft um ein Hilfspaket für einen der erfolgreichsten Hedge-Fonds der 90er Jahre.In einer Reihe von Treffen im Hauptsitz der New Yorker Fed in Manhattan, hat die Fed 16 Geschäfts- und Investmentbanken dafür gewonnen, mit neuen Finanzspritzen den riskanten Fonds zu unterstützen, der auf den internationalen Schuldenmärkten gewaltige Verluste erlitten hat.Die Fed befürchtet, der Zusammenbruch der Long Term Capital Mangement (LTCM) könnte neue Schockwellen auf den Weltmärkten auslösen.

Die vom früheren Vizevorsitzenden der Salomon Brothers, John Meriwether, gegründete LTCM war bekannt für ihre Milliarden-Dollar-Einsätze - vorrangig mit geliehenem Geld - in illiquide Wertpapiere wie dänische Pfandbriefe, die sie in Kompensationsgeschäften mit amerikanischen Schatzanleihen deckte.

Mit dem Zusammenbruch der russischen Volkswirtschaft im vergangenem Monat sind Investoren rund um die Welt aus allen Arten von Risiken geflüchtet.Das hat die Preise jedweder Finanzinstrumente, inklusive der von LCTM gehaltenen esoterischen Papiere, nach unten gezogen.Gleichzeitig war der Ansturm auf die sicheren, amerikanischen Schatzanleihen ein gefährlicher Schlag für LTCM.Das Kapital des Unternehmens verringerte sich Ende August radikal um die Hälfte, auf nunmehr 2,3 Mrd.Dollar.

Das stellt eine Gefahr für die Wall Street dar.Falls LTCM zusammenbricht, würde es eine Liquidation von Anleihen in Höhe von Milliarden von Dollars auslösen, in geringerem Ausmaß auch bei Aktien, und damit Druck auf einen bereits fragilen Markt ausüben.Hedge Fonds, die Investitionspartnerschaften für anspruchsvolle, wohlhabende Privatkunden und institutionelle Anleger sind, unterstehen zwar nicht der Aufsicht der Fed.Doch überwacht die Bundesreservebank amerikanische Banken und Wertpapierhäuser, die Meriwethers Fonds Geld geliehen haben.Und in diesem Bereich nutzt die Fed ihren beachtlichen politischen Einfluß.Einen Kommentar lehnten die Sprecher der Fed und des Hedge Fonds ab.

Fast jedes größere Wertpapierhaus und jede große Geschäftsbank an der Wall Street hatte LTCM den Kreditrahmen ausgeweitet.Zu Jahresbeginn hat der Fonds nur 4,3 Mrd.Dollar verwaltet, doch hat er hohe Kredite aufgenommen, um seine Erlöse in die Höhe zu treiben; so erreichte der Wert seiner Plazierungen im Verlauf des Jahres 100 Mrd.Dollar.

Merrill Lynch, Goldman Sachs, Morgan Stanley Dean Witter, die Deutsche Bank, UBS und eine Reihe anderer Investment- und Geschäftsbanken haben rund um die Uhr mit der Fed Gespräche geführt, um einen Vier-Milliarden-Dollar-Hilfsplan auszuarbeiten.Danach soll jedes Unternehmen der LTCM Darlehen in Höhe von 250 Mill.Dollar liefern, erklären Eingeweihte.

Ein chaotischer Zusammenbruch der LTCM würde - dessen ist sich die Fed bewußt - das Vertrauen erschüttern.Und das in einer Zeit, in der die Anleger den internationalen Finanzmärkten allemal zunehmend mißtrauen.Und so wie der Jammer in Thailand auf Indonesien und Südkorea übergegriffen hat, würde ein unschöner Zusammenbruch von LTCM Kreditgeber dazu veranlassen, sich aus anderen Institutionen zurückzuziehen.

Die Fed ist auch deswegen so um das Schicksal von LTCM besorgt, weil dieser hochrangige Experten auf sich vereinigt.Zu dem Staraufgebot gehören etwa David Mullins Junior, früherer Vizevorstand des Federal Reserve Board, der ehemalige Stanford-Student Myron Scholes, der den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Arbeit über die Preisbestimmung bei Optionen gewonnen hat, und Robert Merton, ein anderer Nobelpreisträger für Wirtschaft.

"Sie haben die Überzeugungsraft von Stars.Es gibt auf der Welt keinen anderen Hedge Fonds mit mehreren Nobelpreisträgern," sagt Stephen Henderlite von Tremont Partner, einer Beratungsfirma für Hedge Fonds in New York."In Sachen Brain Power gibt es keine andere Firma, mit der es bergab ging, die auf dem Papier so gut ausgesehen hat." Unter den Mathematikern mit Doktortitel, die es in die Welt der Finanzen gezogen hat, "war es eine Ehre, von LTCM zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden", sagt Henderlite.

Nachdem Meriwether sich mit der Securities und Exchange Commission, der amerikanischen Börsenaufsicht, geeinigt hatte, sammelte er eine Gruppe von Finanziers, Wirtschaftlern und Akademikern um sich und zog sich in das recht ruhige Greenwich (Conneticut) zurück und gründete LTCM.Das Büro liegt in einem Vorort, von dem man aus Long Island überblickt.

Den Verlusten des Unternehmens in der letzten Zeit gingen vier Jahre mit hohen Gewinnen für die Anleger voran.Der Fonds erbrachte 1995 eine Rendite von 42,8 Prozent, 1996 waren es 40,8 Prozent, bis sie 1997 auf 17,1 Prozent sank.

Meriwethers beeindruckender Erfolg hat dem Fonds erlaubt, einige der restriktivsten Investmentbedingungen der Branche zu setzen.Anleger mußten mindestens zehn Mill.Dollar für einen Zeitraum von mindestens drei Jahren investieren.Zudem hat der Fonds den Investoren niemals genauer enthüllt, wie er Gewinne oder Verluste machte.Am Jahresende bekommen die Investoren nur einen sehr vagen Überblick über ihre Investitionen.

Ein großer Teil des Eigenkapitals der Firmenpartner ist nun gefährdet.Mehr als ein Drittel des Fondskapitals kam von den Geschäftsinhabern, teilte Meriwether den Investoren kürzlich in einem Brief mit.

LTCM ist auf Arbitragegeschäfte bei Bonds spezialisiert, wo es komplexe und hoch verschuldete Einsätze auf Zinsspannen unterschiedlicher Anleihenformen macht.Sein Kerngeschäft waren convergence trades auf amerikanischen, japanischen und größeren europäischen Märkten.Man erwartete, daß die Erträge nicht den üblichen Erträgen auf den internatonalen Wertpapier-, Aktien- oder Devisenmärkten entsprachen.

Die internationale Flucht in Qualität, die den Finanzturbulenzen in Rußland folgte, ließ viele Investitionen der Firma fehlschlagen, die damit rechnete, daß die Zinsen auf risikoreichere Bonds sich näher zu denen der äußerst sicheren amerikanischer Schatzanleihen bewegen würden.Das Gegenteil geschah.Am 2.September informierte Meriwether die Anleger, daß der Fonds im August um 40 Prozent geschrumpft sei.Für das gesamte Jahr belief sich der Rückgang gar auf 52 Prozent.

Die Verwalter von Hedge Fonds erfreuen sich der höchsten Gebühren in der Geldverwaltungsbranche; üblich sind Gebühren von einem Prozent im Jahr für die Verwaltung und von 20 Prozent auf die jährlichen Gewinne.LTCM befand sich am oberen Ende des Gebührenspektrums, indem es bei den Anlegern zwei Prozent für Verwaltungskosten und 25 Prozent auf die Gewinne erhob.Das schien die Möchtegern-Investoren nicht abzubringen.

Übersetzt, redigiert und gekürzt von Karen Wientgen (Hedgefonds) und Sigrun Schubert (Editorials).

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