Wirtschaft : Das Vertrauen ist auf dem Tiefpunkt

RENATE OHR

Verschieben macht SinnVON RENATE OHR

Der jüngste Konflikt um die Neubewertung der Gold- und Devisenbestände der Deutschen Bundesbank zeigt, daß mittlerweile auch die Bundesregierung bereit ist, jegliche Art kreativer Buchführung zu versuchen, um das Projekt der gemeinsamen Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion termingerecht zu realisieren.Unter solchen Rahmenbedingungen wird der Euro allerdings von einer nicht tragfähigen Grundlage aus starten: Es besteht derzeit bei kaum einem Kandidaten der Währungsunion die notwendige "anhaltende" Stabilitätsbereitschaft, und zugleich divergieren die wirtschafspolitischen Zielvorstellungen zwischen den potentiellen Mitgliedsländern nach wie vor sehr stark. Hierdurch und durch die vielfältigen Versuche, den Zeitplan zu Lasten der Stabilität einzuhalten, ist das Vertrauen in den Euro mittlerweile auf einem Tiefpunkt angelangt.Wird die Währungsunion nun trotzdem gemäß Zeitplan erzwungen, so werden sich im Laufe der Zeit wachsende ökonomische und politische Spannungen ergeben, die die gemeinsame Währung , den Euro, schwächen, die wirtschaftliche Entwicklung und den Standort Europa destabilisieren sowie Arbeitsplätze vernichten.Dies kann letztlich zu einem Sprengsatz für Europa werden. Eine Verschiebung der Währungsunion könnte dagegen genutzt werden, um die Voraussetzungen für eine erfolgreiche gemeinsame Währungspolitik zu verbessern.Dazu wäre es allerdings zum einen notwendig, die Basis an ökonomischen und politischen Gemeinsamkeiten zu verbreitern.Denn Vertrauen in den Euro wird letztlich nur dann entstehen, wenn hinter dieser Gemeinschaftswährung auch eine ökonomische und politische Einheit steht, die in wesentlichen Dingen mit einer Stimme spricht.Zum anderen könnten und müßten die potentiellen Beitrittskandidaten dann den Beweis erbringen, daß die Konverenz und Stabilitätsbereitschaft nicht nur einmal ­ im Endspurt, sondern tatsächlich "nachhaltig", also über einen längeren Zeitraum hinweg, durchhalten können. Als Gegenargument wird vielfach die Gefahr großer Währungsturbulenzen bei Bekanntgabe einer Verschiebung der Währungsunion heraufbeschworen.Insbesondere wird eine dramatische Aufwertung der D-Mark prognostiziert.Zudem werden Rückschritte bei den Liberalisierungserfolgen des Binnenmarktes befürchtet.Und manche vertreten sogar die absurde Vorstellung, es gehe hier "um Krieg oder Frieden".Wer so etwas behauptet, verkennt allerdings die europäische Realität! Der Abbau vielfältiger nationaler Regulierungen und Handelsbeschränkungen hat innerhalb der Europäischen Union mittlerweile einen nahezu unbegrenzten Austausch von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräften ermöglicht.Über diese Liberalisierung, Deregulierung und gegenseitige Öffnung sind die europäischen Volkswirtschaften in vielen Bereichen zusammengewachsen, und zwar ­ ohne Euro.Und gegebnenfalls bleiben sie es auch ­ ohne Euro. Auch eine Flucht in die D-Mark muß nicht eintreten, zumindest dann nicht, wenn eine "geregelte" Verschiebung der Währungsunion vorgenommen wird.Der Aufschub darf nicht als Scheitern des Integrationsprozesses proklamiert werden, sondern als Chance zur Verbesserung der Startbedingungen für dieses äußerst ambitionierte Projekt.Wird deutlich, daß damit die dauerhaften Probleme einer überhastet eingeführten Gemeinschaftswährung vermieden werden, so kann dies von den Finanzmärkten durchaus positiv beurteilt werden.Da eine Verschiebung des Euro-Starts den einzelnen Ländern mehr Möglichkeiten bietet, ihre aktuellen nationalen Probleme nach Maßgabe ihrer individuellen Präferenzen ­ und damit vielleicht schneller und adäquater ­ zu lösen, kann dies sogar zu einem verstärkten Vertrauen in ihre Währungen führen.Zeigt nicht die derzeitige Stärke des britischen Pfundes, daß ein Land keineswegs Beitrittskandidat für die Währungsunion sein muß, um das Vertrauen der Kapitalanleger zu gewinnen? Selbst wenn es trotz allem zu einer gewissen Aufwertung der D-Mark kommen sollte, so wird diese nur vorübergehend sein.Die internationalen Devisenmärkte werden sich nach wenigen Monaten wieder beruhigt haben.Anhaltende Risiken für unser Exportgeschäft sind daher nicht zu erwarten, auch wenn sie von den Euro-Befürwortern beziehungsweise von bestimmten Interessenvertretern oft vorausgesagt werden.Auf jeden Fall wären diese temporären Probleme geringer und wachsender ökonomischen Spannungen, die eine übereilte Währungsunion auslösen würde.

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