Wirtschaft : Das Wim-Prinzip

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Immer wenn die Europäische Zentralbank (EZB) von Europas Politikern in eine Richtung gedrängt wird, dürfte die entgegengesetzte Richtung mit Sicherheit die bessere sein. Das ist das „Wim-Prinzip“, benannt nach dem ehemaligen EZB- Präsidenten Wim Duisenberg, der die Bitten, den Euro in seinen frühen Tagen aufzuwerten, „zur Kenntnis nahm, aber nicht darauf hörte“.

Chef der EZB ist heute Jean-Claude Trichet, aber das „Wim-Prinzip“ gilt noch immer. Das zeigt die Absicht der Bank, nun die Leitzinsen anzuheben. Die Finanzminister der Eurozone hatten die Bank gedrängt, jedes Anziehen der Zinssätze so lange wie möglich hinauszuschieben. Am 1. Dezember tritt der EZB-Rat zusammen – wenn er die Erhöhung beschließt, ist es die erste seit fünf Jahren.

Das ist gerechtfertigt, auch angesichts der neuen Wirtschaftszahlen. Denen zufolge ist das Bruttoinlandsprodukt in der Eurozone im dritten Quartal um 0,6 Prozent über die Schätzungen hinausgewachsen, auf das Jahr gerechnet lag das Plus bei 2,4 Prozent. Während Frankreich und Spanien 0,7 Prozent und 0,8 Prozent Wachstum verzeichnen, kommt Deutschland auf 0,6 Prozent, obwohl die Nachfrage in den Geschäften noch immer gering ist. Italien, das immerhin ein Fünftel der Wirtschaft der Eurozone ausmacht, hat mit 0,3 Prozent das enttäuschendste Ergebnis eingefahren. Darüber hinaus ist die Inflation in der Eurozone mit 2,5 Prozent ein halbes Prozent über dem Wunschziel der EZB.

Wirtschaftswachstum und wachsende Inflation sind die normalen Anzeichen für die EZB, die Zinssätze anzuheben. Dies führt jedoch zu Widerstand nervöser Politiker – der Aufschwung sei zu zerbrechlich. Das ist korrekt, denn geschätzte 1,5 bis zwei Prozent im nächsten Jahr sind im Vergleich zu den USA oder der Weltwirtschaft, die um das annähernd Doppelte wachsen, kein Ergebnis, mit dem man protzen kann.

Die nationalen Volkswirtschaften der Eurozone sind abhängiger vom Ölpreis als Japan oder die USA. Indem die Zinsen stabil blieben, heißt es, könne die EZB der Wirtschaft ein weiteres Aufblühen ermöglichen.

Hier kann das Wim-Prinzip helfen. Die Obsession mit Zinssätzen führt zu nichts; vielmehr sollten sich die Finanzminister mit den strukturellen Barrieren des Wachstums und der höheren Beschäftigung befassen. Außerdem liegt die wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone nicht im Aufgabenbereich der EZB – sie hat sich um Preisstabilität zu kümmern.

Inflation ist ein Grund, sich mit Zinssätzen zu beschäftigen. Die Ursache für die Inflation liegt hauptsächlich in den steigenden Energiepreisen. Wenn man von ihnen absieht, liegt die Inflation bei unter zwei Prozent. Es hilft aber nichts, von diesem einen Punkt zu abstrahieren, wenn es auch noch andere Warnsignale gibt. Die Gewerkschaften haben erklärt, dass die Tage der Zurückhaltung bei den Lohnforderungen vorbei seien. Bankkredite wachsen in der Eurozone um neun Prozent, Wohnungspreise steigen in den Himmel – wie in Frankreich um 14 Prozent. Viele Europäer erwarten eine stärkere Inflation. In dieser Situation hat die EZB Anlass genug, sich Glaubwürdigkeit zu verschaffen, indem sie im Interesse der Preisstabilität und des Vertrauens der Investoren handelt.

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