Wirtschaft : Das Zuhause in dir

Alte Menschen brauchen zunehmend Pflege. Vor allem Demenzkranke, damit sie sich in ihrer löchrigen Welt zurecht finden. Gerontopsychiatrische Fachkräfte lernen, eine Verbindung zu ihnen aufzubauen. Der Bedarf ist groß

Viola Zech
Immer mehr Alte. Auch in China droht eine Überalterung der Gesellschaft. In Deutschland gibt es das Problem schon länger, die Zahl Demenzkranker nimmt zu. Sie brauchen speziell weitergebildete Begleiter, die sich in sie hinein denken können. Foto: Reuters
Immer mehr Alte. Auch in China droht eine Überalterung der Gesellschaft. In Deutschland gibt es das Problem schon länger, die Zahl...Foto: REUTERS

Manchmal sagen sie es zehnmal am Tag: „Ich will nach Hause“. Die Patienten merken das vielleicht gar nicht. Oder sie fühlen sich tatsächlich fremd in ihrer Umgebung. Oder sie haben eigentlich Hunger, Durst. Manchmal wollen sie einfach nur Aufmerksamkeit. Martina Menn hat gelernt, die Bedeutung hinter diesem Satz zu verstehen. Die 57-Jährige hat lange als Erzieherin gearbeitet und vor drei Jahren die Arbeit mit Menschen mit Demenz für sich entdeckt. Vor kurzem schloss sie eine sechsmonatige Weiterbildung ab, um psychische Erkrankungen von  Menschen ab 60 zu verstehen – eine gerontopsychiatrische Basisqualifikation.

1,3 Millionen Menschen mit Demenz leben derzeit in Deutschland, so eine aktuelle Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Aufgrund des demographischen Wandels kann man davon ausgehen, dass sich diese Zahl bis zum Jahre 2050 mehr als verdoppeln wird. Damit steigt auch die Nachfrage nach gut ausgebildetem Personal. Denn Menschen mit Demenz brauchen besonders viel Betreuung. Auch die Politik hat das erkannt, so wurde 2008 ein Gesetz erlassen, dass es möglich macht, zusätzlich zum Pflegepersonal Alltagsbetreuer und Pflegehilfskräfte einzusetzen und dies auch über diePflegekasse abzurechnen. Als Entlastung für Personal und Patienten. Eine Betreuungskraft kümmert sich demzufolge um 25 Patienten. Ein Pensum, das aber in der Praxis kaum zu bewältigen ist.

Zunächst geht es bei den Weiterbildungen im Bereich Gerontopsychiatrie darum, die Symptome einer Demenzerkrankung erkennen zu können. Die Krankheitsbilder sind vielfältig und fallen auch in den unterschiedlichen Phasen der Krankheit verschieden aus. Neben Vergesslichkeit, Orientierungsstörungen und Sprachstörungen können auch Apathie, Depressionen und Wahnvorstellungen auftreten. Sehr häufig geht die Krankheit mit einer extremen inneren Unruhe und einem starken Bewegungsdrang einher.

Um Menschen mit Demenz unterstützen zu können, muss man lernen, ihr Verhalten zu interpretieren und zu verstehen, was in ihnen vorgeht. „Dafür muss man sehr aufmerksam und einfühlend sein“, sagt Martina Menn. „Man muss psychisch sehr belastbar sein, eine große innere Stabilität haben“, sagt sie. Grundlegend für die Pflege Demenzkranker ist es, eine Verbindung zu ihnen herzustellen. Wenn die Kommunikation nicht mehr über die Sprache stattfinden kann, gibt es noch die basale Stimulation. Bei dieser Therapierichtung werden die Patienten über den Tastsinn, das Schmecken oder das Hören angesprochen – sofern dies physisch noch möglich ist. Auch Biographiearbeit kann ein Ansatz sein, eine Verbindung zum Patienten herzustellen. Im Vordergrund steht immer der Versuch, die Eigenaktivität der Menschen aufrechtzuerhalten. Die Arbeit mit demenzkranken Patienten kann aufreibend sein. Martina Menn machte ihre Weiterbildung berufsbegleitend beim Bildungsträger PMG – Pflege, Management, Gesundheit in Schöneberg, finanziert vom Arbeitgeber.

Die „Gerontopsychiatrische Basisqualifikation“ richtet sich an ein Klientel, das bereits im Bereich Pflege arbeitet und sich auf die Arbeit mit demenzkranken Menschen spezialisieren möchte. „Es geht nicht um die Pflege, sondern die Betreuung und Begleitung demenzkranker Menschen im Alltag“, macht Christel Schumacher, Kursleiterin und Referentin, deutlich. Doch auch fachfremde Interessenten können an der Weiterbildung teilnehmen, müssen dann aber parallel zum Kurs ein Praktikum absolvieren, das in einer Einrichtung für Menschen mit Demenz durchgeführt wird. Die Weiterbildung „Alltagsbegleiter für Demenzkranke“ beim Bildungstrainer WBS Training erfolgt in Vollzeit und dauert vier Monate. Auch hier gehört ein Praktikum von vier Wochen dazu. „Häufig ist es sinnvoll, das Praktikum bereits in der Pflegeeinrichtung zu machen, die der spätere Arbeitsplatz werden soll“, sagt Stephanie Ohm, Referentin für berufliche Bildung bei WBS Training. Voraussetzungen für die Teilnahme sind mindestens ein Schulabschluss und optimaler Weise Vorerfahrung im sozialpflegerischen Bereich. Auch die Betreuung und Pflege eines Angehörigen könne als Vorerfahrung gewertet werden, müsse aber schriftlich nachgewiesen werden. Die meisten Teilnehmer des Kurses bei WBS Training kommen mit einem Bildungsgutschein von der Agentur für Arbeit. Selbstzahler und Mitarbeiter aus Unternehmen sind ebenfalls willkommen.

Auch die „Gerontopsychiatrische Basisqualifikation“ der Renafan Akademie in Berlin richtet sich an Altenpfleger, Krankenpfleger sowie Alten- und Krankenpflegehelfer. Bei vielen Teilnehmern wird die Weiterbildung vom Arbeitgeber finanziert oder sie lassen sich die Bildungsprämie anrechnen. Die Förderung durch die Agentur für Arbeit ist nicht möglich. Ingeborg Scholten, Bildungsreferentin der Renafan Akademie, betont: „Pflegekräfte mit einer zusätzlichen Qualifikation im Bereich Gerontopsychiatrie werden mit Kusshand genommen“. Auch die Pflegeeinrichtungen würden von ihrem gut ausgebildeten Personal profitieren und könnten zukünftige Kunden gewinnen.

Silvia Ewering, Leiterin des Renafan-Zentrums für Menschen mit Demenz in Berlin Buch, bestätigt die guten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt: „Bewerber mit einer Zusatzqualifikation für den gerontopsychiatrischen Bereich sind immer gerne gesehen.“ Eine solche Qualifikation wird im Zentrum für Menschen mit Demenz inzwischen von allen Mitarbeitern erwartet. Ewering ist von der Qualität der Zusatzqualifikation überzeugt: „Das Personal ist sicherer im Umgang, die Kommunikation mit den Patienten ist viel besser. Das erleichtert den Ablauf ungemein.“

Martina Menn hat sie einen differenzierteren Blick auf die Krankheitsbilder bekommen. Besonders die Biographiearbeit hat sie als mögliche Strategie im Umgang mit den Patienten für sich entdeckt. „Die Arbeit als Betreuerin von Menschen mit Demenz ist ein sehr spannender aber auch unheimlich anstrengender Beruf“, sagt sie. Ein Beruf der viel Motivation erfordert und leider immer noch sehr unterschätzt wird.

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