Wirtschaft : Dasa und Aérospatiale wollen zusammenfliegen

MÜNCHEN (tmh). Europas Luft- und Raumfahrtindustrie produziert nicht nur Flugzeuge und Raketen, sondern seit geraumer Zeit auch Gerüchte. Die jüngste Variante, eine kurz bevorstehende Fusion zwischen der Daimler-Chrysler Aerospace (Dasa) AG, München, und Frankreichs Aérospatiale Matra, wird von den Konzernen zwar offiziell sehr zurückhaltend kommentiert. Branchenkenner bemerken aber mit Blick auf die französische Regierung: "Es ist Bewegung eingetreten." Lange galten die Nachbarn als Bremser auf dem Weg zu einem europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern. Die dortige Regierung ist an Aérospatiale Matra fast zur Hälfte beteiligt und besitzt ein Vetorecht. Diese staatliche Kontrolle sei das alleinige Hindernis für eine Fusion, betonte Dasa-Chef Manfred Bischoff immer wieder. Ansonsten seien die Franzosen der "natürliche Partner" der Dasa.Dennoch wollte nicht zusammenfinden, was für Bischoff zusammengehört. Die Gründe dafür liegen vor allem im Erhalt von Arbeitsplätzen. Als Staatsunternehmen arbeite Aerospatiale Matra nicht auf dem Produktivitätsniveau von Dasa oder British Aerospace (BAe), heißt es in der Branche. Bewiesen ist das zwar nicht, weil gerade in der Luft- und Raumfahrt die Bücher für Außenstehende verschlossen bleiben. Es spricht aber einiges dafür. Unter dem Schlagwort Dolores hat die Dasa vor wenigen Jahren tausende Stellen abgebaut, um das Unternehmen gegen US-Wettbewerber konkurrenzfähig zu machen. Das ist gelungen. "Bei der Profitabilität spielen wir in der BAe-Liga," freut man sich in München. Die Franzosen dagegen hätten so etwas wie Dolores noch vor sich, schätzen Insider. So lange der Staat aber dominierender Einzelaktionär bleibe, werde nicht betriebswirtschaftlich entschieden. Sollte es zur deutsch-französischen Ehe unter Kontrolle von Paris kommen, treffe jeder Stellenabbau vor allem deutsche Standorte. Dennoch gibt es gute Gründe für einen Ausstieg des französischen Staats aus der Branche, um den Weg zur Fusion zu ebnen. So erstarkt die Konkurrenz durch Fusionen in den USA und Großbritannien. Dazu übernimmt die Dasa gerade Spaniens Casa. Die nach ihrer gescheiterten Fusion mit der BAe an den Rand gedrängten Deutschen haben damit Entschlossenheit demonstriert und zugleich eine Fusion mit dem bisherigen US-Rivalen wie Lockheed Martin angedroht. Nicht nur das könnte bei den Franzosen Folgen haben. Mit der jüngsten Zusammenführung der beiden nationalen Ex-Konkurrenten Aérospatiale und Matra wurde auch das privatwirtschaftliche Element durch die Person von Jean-Luc Lagardere gestärkt. Der 71jährige Manager hält über den Konzernteil Matra ein Drittel der Anteile am neuen französischen Luft- und Raumfahrtriesen und sitzt dessen Aufsichtsrat vor. Vor allem aber hat Lagardere als Unternehmer ein Ohr für betriebliche Nöte.Ob er wirklich mit Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp bereits ein Fusionskonzept für Dasa und Aérospatiale Matra erarbeitet hat, wie es "Der Spiegel" schreibt, bleibt offen. Unsinnig wäre ein solcher Plan sicher nicht. Das wäre aber auch zu erreichen, wenn die Dasa nicht mehr auf einen Ausstieg des Staats pocht. Die Zeit arbeitet gegen sie. Je länger ein europäischer Luft- und Raumfahrtkonzern auf sich warten lasse, desto geringer werden die Chancen der Dasa, dabei gleichberechtigt zu sein, hat Bischoff einmal prophezeit. Anders als in Deutschland habe die Branche in Frankreich und Großbritannien noch Spielraum für nationale Fusionen. Zudem nähmen deutsche Raumfahrt- und Rüstungsbudgets im europäischen Vergleich ab. Bislang hat Bischoff Recht behalten. Die Dasa ist trotz aller Erfolge gegenüber den fusionierten Riesen in Frankreich und Großbritannien zurückgefallen. Das macht es nicht leichter, Bedingungen zu stellen. Zudem steht die einzige Alternative - ein Zusammengehen der Dasa mit Lockheed Martin - vor hohen sicherheitspolitischen Hürden. Somit spricht eigentlich alles für Aérospatiale Matra und Dasa. Mit raschen Entscheidungen rechnet in Branche kaum jemand.

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