Wirtschaft : „Dass ich noch da bin, ist wie ein Wunder“

Der Modeschöpfer Wolfgang Joop über seinen Neuanfang mit Wunderkind, wahren Luxus und eine Mottoparty bei Heidi Klum

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Herr Joop, mit Deutschland geht es wirtschaftlich bergauf. Gönnen sich die Menschen jetzt wieder Luxus?

Was ist Luxus? Über Luxus haben wir schon in den neunziger Jahren geredet, da ging es um den Luxus für jedermann, den Luxus für den kleinen Geldbeutel. Luxus war ein inflationiertes und charakterloses Wort geworden. Ich habe hier bei Wunderkind den Begriff Luxus für mich neu definiert: Luxus ist die Distanz, nicht mehr alles mitmachen zu müssen. Sich außerhalb der Trends stellen zu dürfen.

Der Wunderkind-Luxus hat seinen Preis. Was kostet ein Kleid bei Ihnen?

Um die 2000 Euro. Das ist eine Menge Geld, keine Frage. Früher bekam man dafür einen bodenlangen Zobel, heute kriegst du bei uns eine Baumwolljacke. Wir befinden uns in einem virtuellen Preisgefüge.

Das heißt, es ist Ihren Kundinnen egal, ob sie 2000 oder 3000 Euro ausgeben?

Ja, in der Größenordnung, in der wir uns bewegen, ist das so.

Warum bezahlt jemand so viel Geld für Mode?

Ich kenne meine Kundinnen nicht. Ich habe auch keine Zielgruppe im Kopf. Aber ich weiß: Wer Wunderkind trägt, wirkt anders. Man spürt das förmlich. Die Aura verändert sich. Viele Leute sagen, Wunderkind hat Seele, ist authentisch. Luxus ist das Gegenteil von Label. Wir sind nicht laut oder marktschreierisch. Wir brauchen keine großen Buchstaben auf Gürtelschnallen. Unsere Leute haben es nicht nötig zu zeigen, dass sie Wunderkind tragen. Wunderkind ist pures Understatement. Das größte Kompliment für mich ist, wenn Frauen, von denen man es nicht erwarten würde, Wunderkind tragen.

Wer denn?

Mittlerweile einige, erst kürzlich Franziska van Almsick zum Beispiel. Wenn sie Wunderkind trägt, bekommt sie etwas Zerbrechliches, obwohl sie doppelt so breite Schultern hat wie ich.

Wie würden Sie Angela Merkel anziehen?

Als ich die letzte Show in New York hatte, das war vor eineinhalb Jahren, nannte ich die Kollektion „Die neue Sachlichkeit“. Und weil keiner in den USA die neue Sachlichkeit kannte, sagte ich, die Kollektion sei Angela Merkel gewidmet. Angela Merkel hat diese kühle intelligente Aura. Damals haben alle gedacht, ich wollte Frau Merkel einkleiden, aber das stimmt gar nicht. Ich habe noch niemals für jemanden ein Kleid entworfen, auch nicht für Frau Merkel. Das Problem in den USA ist aber, dass alle ein visuelles Konzept von dir wollen. Selbst wenn du nur zu einer Party gehst.

Wie meinen Sie das?

Ich war mal zum Thanksgiving bei Heidi Klum eingeladen. Ich wollte nur so hingehen, aber meine New Yorker Freunde haben gesagt, ich müsse mich im Mottostil verkleiden. Ich bin dann als Nonne gegangen. Es war der schlimmste Abend meines Lebens. Ich war auch nur 20 Minuten da.

Noch mal zurück zu Angela Merkel. Hat die Kanzlerin Sie denn gebeten, sie einzukleiden?

Nein. Obwohl sie von allen Politikern als Einzige schon mal hier war und sich besonders für unsere Arbeit interessiert hat. Das war noch vor ihrer Kanzlerwahl. Wir haben ja auch Parallelen. Ganz tief in meinem Herzen bin ich auch ein Ossi gewesen. Ich habe sogar damals, als die Mauer noch stand, die Textilbranche in der DDR beraten.

Wie bitte?

Ja, ich bin damals ohne Angabe des Ortes über die Grenze gebracht worden. In der DDR hatten sie damals nur Spezitex und Dederon, das eine war wie Trevira und das andere wie Dralon. Daraus sollten sie Mode für Otto, Quelle und C&A machen. Ich habe Stoffmuster aus dem Westen mitgebracht, dann habe ich die Leute alleine gelassen. Die haben dann die Stoffe zerschnippelt und in die Betriebe mitgenommen. Sonst hatte man keine Vorlagen. Ich glaube, ich war der einzige Spion in der Haarsprayzone. Das hat mir später den Ruf eines Stasi-Spitzels eingebracht. Was mich mit Angela Merkel aber noch verbindet, ist der Mut zum Neuanfang und zum Durchhalten.

Wie riskant war Ihr Neuanfang?

Wenn Leute in Deutschland zu Geld kommen, dann bringen sie das Geld in Sicherheit. Bei mir war das umgekehrt. Ich habe immer alles auf eine Karte gesetzt. Allerdings kommt man ohne Mittel heute kaum noch zu neuen Ufern.

Warum haben Sie es noch einmal wissen wollen?

Ich hatte mit meiner alten Marke Joop! für den gehobenen Mittelstand gearbeitet. Jil Sander und ich waren damals die einzigen Modedesigner in Deutschland, die ihre Marken um ihre Person und ihren mehr oder weniger elitären Lebensstil aufgebaut hatten. Man konnte mit dem Kauf unserer Produkte das Ticket zu einem ähnlichen Lebensstil erwerben. Als ich die Marke verkaufte, habe ich nicht geglaubt, dass ich zu einem ähnlichen Geschäftsprinzip zurückkehren würde. Ich habe Bücher geschrieben und in Filmen mitgespielt. Aber dann merkte ich, dass ich mir ein, zwei Antworten schuldig geblieben war. Mein Selbstrespekt als Modeschöpfer war minimal geworden. Aber ich bin Künstler, ich wollte mir meine Seele nicht abkaufen lassen.

Es war eine Frage der Ehre, es noch einmal zu versuchen?

Ja, ich wollte der Welt noch einmal zeigen, wo mein Herzblut steckt. Aber ich dachte, meine Revenge-Tour ist eine einzige große Pirouette, und dann gehe ich wieder runter vom Eis. Ich habe damals die Rumpf-Villa hier in Potsdam, in der wir heute arbeiten, vor allem deshalb gekauft, weil ich nicht wollte, dass das Haus in falsche Hände fällt. Die Villa steckt ja voller künstlerischer Geister – Lovis Corinth und Max Liebermann waren hier.

Angeblich sollen Sie für Joop! 80 Millionen Euro bekommen haben. Wie viel ist von dem Geld noch da?

Das, was Sie hier sehen, das ist noch da. Ich bin vermögend, aber nicht allzu flüssig. Wir mussten Wunderkind von Anfang an globalisieren, der deutsche Markt wäre zu klein gewesen für unsere Marke.

Sie haben einen eigenen Laden am Gendarmenmarkt. Reicht das?

Wir planen eine Wunderkind-Boutique in London, und weitere Boutiquen an internationalen Standorten sollen folgen. In der zweiten Stufe wollen wir dann noch eigene Wunderkind-Boutiquen in Wien, Madrid, Asien und im Mittleren Osten eröffnen.

Und in Deutschland?

Wir suchen 1-a-Lagen in München, Frankfurt am Main und in Düsseldorf. Wir brauchen die Läden, um unsere sensible Marke zu stabilisieren und die Basis für unsere Produktion zu sichern.

Lässt sich mit Wunderkind Geld verdienen?

In der nächsten Saison dürften wir erstmals schwarze Zahlen schreiben. Wir rechnen nicht damit, unser Investment wieder herauszubekommen, aber der Firmenmehrwert, der entstanden ist, ist schon jetzt größer als unser Investment.

Überlegen Sie, an die Börse zu gehen?

Es gibt vieles, das bei einer einmaligen Marke wie Wunderkind überlegt und geplant werden muss. Wir haben ja mittlerweile auch einen Partner ...

… das Ehepaar Sander, die Wella-Erben …

… die sehr gewiefte und international erfahrene Geschäftspartner sind. Das sind unsere Nachbarn und Freunde. Durch die Partnerschaft haben wir Zeit gewonnen und finanziellen Spielraum. Wir müssen nicht an eine schnelle Expansion denken.

Wie lange reicht die Finanzspritze durch die neuen Gesellschafter?

Wir haben einen Investitionsplan über fünf Jahre. Jetzt können wir in aller Ruhe die Marke stabilisieren. Wir sind uns einig, dass wir möglichst keine Lizenzen vergeben wollen. Neulich hatten wir eine Anfrage zu Herrenmode und zu Jeans-Lizenzen. Aber beides haben wir abgelehnt.

Wie wollen Sie nur aus eigener Kraft wachsen?

Wir werden als Nächstes an Accessoires arbeiten – Schuhe und Taschen. Auch Männermode wäre ein logischer Schritt, aber da brauchen wir ein anderes Konzept. Bei der Damenmode wollen wir irritieren, Männer sollen aber verlässlich wirken und kein Schaulaufen veranstalten.

Warum macht Wunderkind keine Kindermode?

Nein, Kindermode wäre zu naheliegend. Ja, allzu witzig. Eher noch Sportswear.

Warum heißt Wunderkind dann so?

Ich habe mir das Wort schon im Jahr 1991 eintragen lassen, damals dachte ich aber eher an Bücher und Kunst und nicht an ein Modelabel. Ich hatte dann ein Angebot von einem Schweizer Herrenkonfektionsunternehmen, deren Image zu erarbeiten oder eben den Begriff Wunderkind zu „vermieten“. Ich habe damals einen Freund aus der Werbebranche gefragt, ob er sich einen Wunderkind-Anzug anziehen würde, und er hat Nein gesagt.

Warum nicht?

Umfragen ergaben, dass ein Wunderkind ein sehr begabtes Kind ist, aber auch ein sehr isoliertes. Es hat eine große Begabung, aber niemand spielt mit ihm. Jeder Unternehmensberater hätte mir von dem Namen für ein Luxusprodukt abgeraten. Aber heute weiß ich, dass nur das erfolgversprechend ist, was sich gegen den Research und gegen den Mainstream richtet.

Und dann?

Das Wunderkind-Konzept war für niemanden erklärbar, auch nicht für mich. Als es plötzlich vor mir stand, spürte ich die große Verantwortung, die auf mir lag. Das Kind war geboren, und es schrie nach mehr. Dabei hatte ich gar nicht vorgehabt, im hohen Alter noch mal Vater zu werden. Wir hatten dann großen Erfolg in New York. Das wäre der Zeitpunkt gewesen, elegant aufzuhören. Denn ich wusste plötzlich auch, jetzt geht es ums Geschäft. Irgendwann hörst du auf, nach dem Sinn deiner Arbeit zu fragen. Du willst nur noch, dass alles funktioniert.

Dann sind Sie nach Paris gegangen, zur härtesten und teuersten Modenschau der Welt …

Paris, das ist für Modeschöpfer wie die Olympischen Spiele für Sportler. Hier musst du hardcore, du selbst sein. Erzähl deine Geschichte, ganz schnell. Die Modewelt ist eine Welt des Auftauchens und Verschwindens. Ich habe Heere von Models, Designern und Fotografen verschwinden sehen. Dass ich noch da bin, ist wie ein Wunder. Es gibt doch kaum noch einen Créateur, der in seinem eigenen Haus sitzt. Die meisten arbeiten für jemand anderes, für große Konzerne.

Sie machen Mode für Eliten. Was sollen die Leute tun, die sich Wunderkind nicht leisten können?

Wunderkind ist etwas für Individualisten. Diese Idee kann für jeden animierend sein, auf seine Weise man selbst zu sein. Ich arbeite mit Erinnerungen und Bildern und fordere Menschen auf, ihre eigene Fantasie spielen zu lassen. Das kann jeder tun, ob arm oder reich. Wir schneidern keine Uniform, die man tragen muss, um nicht ausgebuht zu werden. Im Gegenteil: Bei Wunderkind wirst du ausgebuht, wenn du Uniform trägst.

Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihre Tochter Jette bei Ihnen einsteigt?

Ich glaube, das würde nicht passen. Meine Tochter macht viele Projekte und ist damit sehr erfolgreich, aber ich will heute etwas ganz anderes. Ich suche nach dem Höchstmaß an Konzentration.

Das Interview führten Heike Jahberg und Grit Thönissen.

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