"Data Debate" in Berlin : Die Kommunikation im Netz ist besser als ihr Ruf

Per Gesetz will die Regierung gegen Hasskommentare vorgehen. Dabei ist das digitale Miteinander gar nicht so schlecht, sagten Teilnehmer der Tagesspiegel Data Debate.

Oliver Voß
Ein Besucher fotografiert die Diskussionsteilnehmer der zweiten "Tagesspiegel Data Debate"
Ein Besucher fotografiert die Diskussionsteilnehmer der zweiten "Tagesspiegel Data Debate"Foto: Henrik Andree

Fake-News, Rassismus, Hasskommentare – seit Monaten wird vor allem über die negativen Seiten des Internets gesprochen. Justizminister Heiko Maas hat daher gerade einen Gesetzentwurf vorgelegt, mit dem die großen Plattformen wie Facebook gezwungen werden sollen, aktiver gegen unerwünschte Inhalte vorzugehen.

„Die Freiheit des Internets ist ein unfassbar hohes Gut“, warnt Marcel Ritter, Mitglied der Geschäftsleitung bei Telefónica Deutschland. Das Unternehmen wolle keine Inhalte kontrollieren oder zensieren. Doch wie lässt sich die Freiheit schützen? Wie kann das digitale Miteinander organisiert werden? Über diese Fragen wurde am Donnerstag bei der „Tagesspiegel Data Debate“ im Berliner Basecamp gestritten.

Wir erleben eine „informationelle Verunsicherung“, konstatierte Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Auch wenn sich theoretisch jeder über das Netz organisieren könne, funktioniere Partizipation vor allem bei Protest. Der US-Präsident ist nur das prominenteste Beispiel für das Mobilisierungspotenzial. Allerdings warnte er davor, Trump als Internettroll der zufällig Präsident geworden sei zu begreifen. Der Milliardär sei vor allem ein "Geschöpf des Fernsehens", der zudem den Sendern enorme Quotensteigerungen gebracht habe.

„Die Filterblase ist keine Erfindung des Internets“

Jenseits des Protestes sei eine neue kollektive Organisation digitaler Staatsbürger im Netz freilich schwierig. Das hätte nicht nur das Scheitern der Piratenpartei gezeigt. Die großen idealistischen Hoffnungen aus der Frühzeit des Internet sei auch in anderer Hinsicht vor. „Es gibt einen Wechsel von der Euphorie zur Ernüchterung“, sagt Pörksen. Bildeten sich Anfangs im Netz neue, große Gemeinschaften, unabhängig von Herkunft oder Geschlecht, würden sich nun vor allem gemeinsame Interessengruppen finden.

„Die Filterblase ist keine Erfindung des Internets“, widersprach die Medienpsychologin Astrid Carolus. Schon immer hätten sich Menschen vor allem mit Gleichgesinnten umgeben. Und auch Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche relativierte den verbreiteten Fortschrittspessimismus. „Schon im Barock wurde über das Gefühl der katastrophalen Überforderung geschrieben“, sagte Claussen.

Ist also vieles doch gar nicht so schlecht? Der Blogger Caspar Clemens Mierau wies darauf hin, dass der Großteil der Kommunikation im Netz gar keine öffentlichen Shitstorms sind, sondern private Unterhaltungen. Auch Medienpsychologin Carolus sieht eher positive Beispiele, von Katzenbildern bis hin zum fotografierten Essen. „Die große Masse der Netzkommunikation ist menschliche Trivialität“, sagte Carolus, „doch die tut uns psychologisch ungemein gut“.

Tagesspiegel Data Debates ist eine Initiative des Tagesspiegels in Partnerschaft mit Telefónica Deutschland. Die nächste Debatte findet am 27. April zum Thema Digitale Souveränität statt. Infos unter: www.datadebates.de

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