Datenabgleich bei der Bahn : Hartmut Mehrdorns Kontrolleur

Werner Müller ist Aufsichtsratschef der Bahn. Er entscheidet mit darüber, ob Hartmut Mehdorn gehen muss. Beide unterscheiden sich wie Feuer und Wasser.

Ewald B. Schulte

BerlinBöse Zungen behaupten, dass es Bahn-Chef Hartmut Mehdorn völlig egal ist, wer ihn kontrolliert. Das gilt für die Verkehrsminister, die er hat kommen und gehen sehen, das gilt aber auch für Aufsichtsratsvorsitzende. Gleich zwei Chefkontrolleure haben sich an dem störrischen Bahnchef bereits die Zähne ausgebissen. Auf den dritten aber, Ex-Wirtschaftsminister Werner Müller, ist Mehdorn jetzt angewiesen. Der Aufsichtsrat muss bewerten, ob sich der Bahn-Vorstand bei seinem forschen Umgang mit den Mitarbeiter-Daten „nur“ den einen oder anderen Regelverstoß, oder aber so schwerwiegende Versäumnisse geleistet hat, dass Mehdorn gehen muss.

Eigentlich sind die beiden wie Feuer und Wasser. Klein und gedrungen der eine, lang und schlaksig der andere. Hier der eher hitzköpfige, stets unter Dampf stehende Macher Mehdorn, der aus seinen mitunter polternd vorgetragenen Machtansprüchen keinen Hehl macht. Da Müller – ruhig-geduldig, intellektuell- unterkühlt.

Ziele werden langfristig verfolgt

Schlitzohren allerdings sind beide. Zudem zeichnet beide aus, dass sie einmal als richtig erkannte Ziele auch langfristig verfolgen. Doch da, wo Mehdorn notfalls auch gegen den Rest der Welt durch die Wand will, setzt Müller eher auf den Konsens, auch wenn dies mitunter unendlich viel Zeit kostet. Das war beim Ringen um den Atomausstieg so, den er als parteiloser Minister im Auftrag Gerhard Schröders mit den Grünen aushandeln musste. Und das war auch bei der Umwandlung der Nichtkohle-Aktivitäten des einstigen RAG-Konzerns zum neuen börsenfähigen Konzern Evonik so. Berührungsängste sind Müller fremd: Er bindet Mitarbeiter und Gewerkschaften ein und agiert über Parteigrenzen hinweg. Seit vielen Jahren mit Gerhard Schröder eng – und loyal – verbunden, pflegt er auch den Kontakt zu Angela Merkel. Ohne deren Hilfe wäre seine über alle Parteien hinweg gelobte Lebensleistung – die sozial verträgliche Beendigung des subventionierten deutschen Steinkohlebergbaus – letztlich nicht möglich gewesen.

Nur im Konsens kann aus Müllers Sicht auch der Betriebsfrieden bei der Bahn wiederhergestellt werden. Deshalb hat er Mehdorn zur Entschuldigung bei den Beschäftigten geraten, um so Druck aus dem Kessel zu nehmen. Und um Zeit zu gewinnen, die auch Aufsichtsräte brauchen, um die jetzt zutage geförderten Fakten zu bewerten. Die Manager-Qualitäten Mehdorns schätzt Müller durchaus. Wenn es eben geht, möchte er ihn im Amt halten, das aber nicht über faule Kompromisse. Deshalb hat er für den Aufsichtsrat zur Bewertung der Datenpannen auch den prominenten Liberalen Gerhart Baum hinzugezogen.

Müller selbst kennt das Gefühl zu scheitern. So blieb ihm der Vorsitz jener Stiftung, die mit den milliardenschweren Erlösen des Evonik-Börsengangs den Strukturwandel an der Ruhr weiter vorantreiben soll, wegen des Widerstands des NRW-Ministerpräsidenten versagt. Werner Müller hat das bedauert, aber auch abgehakt. Der Kunst- und Musikfreund, der ursprünglich Konzertpianist werden wollte, und seine Zigarillos ebenso schätzt wie einen guten Rotwein, weiß, dass es andere schöne Dinge im Leben gibt.

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