Datenaffäre : Mehdorn im Museum

Die Datenaffäre zwang den Bahn-Chef zum Rücktritt – bei seinem Abschied will ihn aber niemand kritisieren.

Carsten Brönstrup
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Abschied vom Bahnchef. Hartmut Mehdorn auf dem Weg ins Museum. Foto: dpa

Berlin - Es ist, als sei der Krieg erst gerade zu Ende gegangen. Ein rotes Metallschild weist noch auf „Trümmerbahn“ und „Trümmerfrauen“ hin, das Sonnenlicht dringt mühsam durch die winzigen Fenster und drinnen, im Lokschuppen II, kauern bedrohlich Reichsbahn-Waggons und dinosauriergroße Dampflokomotiven auf den Gleisen. Man stehe „vor der Bewältigung einer Krise, deren Ausmaß wir nicht kennen“, sagt der kleine Mann am Pult, es gebe „noch viele Potenziale für Verbesserungen“, fügt er hinzu.

Auch die Stimmung ist so wie nach einem Krieg. Alle wollen ihren Frieden machen mit Hartmut Mehdorn, dem langjährigen Chef der Deutschen Bahn. Er wird an diesem Montag im Deutschen Technikmuseum in Berlin offiziell verabschiedet, ausgerechnet in der Eisenbahnabteilung. Nach zehn Jahren als umstrittenster Manager Deutschlands gibt es nun keine bösen Worte mehr. Mehdorn habe für Bürger und Staat „Hervorragendes geleistet“, sagt Werner Müller, der Vorsitzende des Bahn-Aufsichtsrates. Erst er habe aus dem „groben Klotz am Hals des Steuerzahlers“ einen weltumspannenden Logistiker gemacht. Einen „Visionär“ nennt ihn sein Nachfolger Rüdiger Grube. Finanzvorstand Diethelm Sack bescheinigt ihm, er habe sich „immer vor das Unternehmen gestellt“. Und er habe „aus Beförderungsfällen Kunden gemacht“, lobt Thomas de Maizière, der Leiter des Bundeskanzleramtes. Seine Chefin, Angela Merkel, lässt allerdings ausrichten, sie sei wegen eines sehr wichtigen Termins verhindert, leider.

Der Verzicht der Kanzlerin zeigt, welcher Eiertanz die Mehdorn-Party mit den 300 prominenten Zuhörern tatsächlich ist. Gestolpert ist der Manager über die Datenaffäre, also die systematische Überwachung von Mitarbeitern und Kunden. Wenige Wochen nach ihm mussten drei seiner Vorstandskollegen gehen – Grube, der neue Mann an der Spitze, wollte einen Neuanfang. Sie tragen die Verantwortung für die Schnüffeleien des Staatskonzerns, denn Mitarbeiter ihrer Ressorts verstießen gegen Gesetze und Regeln. Der Bahn-Aufsichtsrat bestellte schon am Montagnachmittag die Nachfolger.

Dennoch gibt es nur freundliche Worte über Mehdorn und seine Leute. Ein „aktives persönliches Fehlverhalten“ sei keinem vorzuwerfen, sagt Chefaufseher Müller. Jeder Vorstand habe ihm glaubhaft versichert, „weder veranlassend noch wissend oder tolerierend“ involviert gewesen zu sein. Über Margret Suckale, die Personalchefin, die am stärksten im Verdacht stand, von halbseidenen Ermittlungen gewusst zu haben, sagt er gar, sie sei „eine attraktive Frau, bei der Charme, Schönheit und Intelligenz eine vollkommene Einheit bilden, die jeden Gesprächspartner nicht nur beeindruckt, sondern immer wieder beglückt“. Keiner der Redner erwähnt den „Datenskandal“ direkt. Nur Maizière sagt salomonisch, dass das, was vorgefallen sei, sich nicht wiederholen dürfe. Dass die Justiz den Fall noch nicht abgeschlossen hat, dass die Sonderermittler über große Lücken in den Bahn-Akten klagen, darüber fällt über eine Stunde lang kein Wort.

Erst Mehdorn greift das Thema auf, ausgerechnet. Er will einen sauberen Abgang. Was vorgefallen sei, habe ihn „sehr betroffen“. Niemand im Vorstand habe die Maßnahmen angeordnet, beteuert er. Es gehe aber um Verantwortung, die er „auf sich gezogen“ habe. Und dann bedankt er sich – nicht nur bei seinen Leuten und den Gewerkschaften, auch bei der Politik und bei den Medien, die ihm beide nicht immer gewogen waren. Es scheint, als hadere er nicht mehr mit seinem unrühmlichen Abgang. Jetzt ist der Krieg wirklich zu Ende. Carsten Brönstrup

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