Datenskandal : Telekom: Im Schongang

Ermittler des BKA sind überzeugt, dass Telekom-Chef René Obermann die Spitzelaffäre nur halbherzig aufklärte. Über Jahre hinweg spähte das Unternehmen Journalisten und Aufsichtsräte aus und überprüfte Kontobewegungen seiner Mitarbeiter.

C. Nesshöver[S. Iversen],S. Louven[S. Iversen],K. Slodczyk
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René Obermann auf der Hauptversammlung im April. Über die Spitzelaffäre erfuhren die Aktionäre von ihm an dem Tag nichts Neues....

Düsseldorf - Für jeden x-beliebigen Mitarbeiter auf mittlerer Ebene eines Dax-Konzerns wäre das ein Traum: Man hat im Dienst das Gesetz gebrochen, in gutem Willen womöglich, aber sich dennoch strafbar gemacht. Doch die höchsten Chefs setzen sich für einen ein. Schongang statt Rauswurf.

Klaus-Dieter Trzeschan ist genau das passiert. Im Jahr 2005 ist Trzeschan Leiter einer kleinen Ermittlertruppe in der Abteilung Konzernsicherheit der Deutschen Telekom. Trzeschan gilt als loyal und vertrauenswürdig, ein Mann für heikle Fälle. Mehr als vier Jahrzehnte hat er für Bundespost und Telekom AG gearbeitet. Heute ist er eine der Schlüsselfiguren in der Spitzelaffäre, die den Bonner Konzern seit einem Jahr erschüttert.

Irgendwann im Jahr 2005 schießt der brave Beamte übers Ziel hinaus. Im Auftrag der Konzernführung soll er rausbekommen, wer im Telekom-Aufsichtsrat interne Informationen an die Presse weitergibt. Trzeschan ermittelt: Er besorgt Verbindungsdaten von Mobiltelefonen und lässt sie von einer externen Firma auswerten – das ist illegal. Seine Chefs halten dennoch die Hand über ihn – was die Ermittler des Bundeskriminalamts heute sehr wundert.

Als Trzeschans Vergehen im Sommer 2007 zufällig ans Licht kommt, gibt sich dessen oberster Chef René Obermann, damals seit einem drei Viertel Jahr Vorstandsvorsitzender des T-Konzerns, sanft: Man wolle die wirtschaftliche Existenz von Herrn Trzeschan keinesfalls vernichten, ihn brechen oder seine Pension gefährden. Dabei hat Trzeschan offenbar gegen den Datenschutz und das Fernmeldegeheimnis verstoßen. Der eilfertige Ermittler setzt damit das wichtigste Kapital der Telekom aufs Spiel, das Vertrauen der Kunden.

Obermann lässt zwar intern ermitteln, es gibt ein Disziplinarverfahren gegen Trzeschan. Aber der Telekom-Chef nimmt es offenbar in Kauf, dass sehr viele Fragen unbeantwortet bleiben. Zu diesem Ergebnis kommt das Bundeskriminalamt (BKA), dass seit fast einem Jahr für die Staatsanwaltschaft Bonn gegen Trzeschan ermittelt.

Das BKA kommt zu dem Schluss: Umfang und Ergebnis der internen Ermittlungen der Telekom seien unvollständig. Viele Fragen seien nicht beantwortet worden, man habe keine Konsequenzen daraus gezogen, dass Trzeschan wichtige Dinge unaufgeklärt gelassen habe. Dies geht aus den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft hervor, die dem „Handelsblatt“ vorliegen. Angestiftet haben sollen die Spitzeleien zwar Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel und Kai-Uwe Ricke, Obermanns Vorgänger als Telekom- Chef. Dennoch bringt die Bewertung der Ermittler Obermann in Bedrängnis. Der Telekom-Chef hat versprochen, die Schnüffelaffäre „lückenlos aufzuklären“. Wiederholt hat er versichert, „alles getan“ zu haben, um die Spitzeleien zu durchleuchten und eine Wiederholung zu vermeiden. Nur: Nach Analyse der 7500 Seiten starken Ermittlungsakten ergibt sich für die Ermittler ein etwas anderes Bild – das eines allzu zahmen Ermittlers namens Obermann.

Anfang 2005 hatte Sicherheitsmann Trezeschan einen heiklen Auftrag erhalten. Er identifiziert Telekom-Aufsichtsrat Wilhelm Wegner als „undichte Stelle“. Die Telefondaten, die Trzeschan von Verdi-Mann Wegner und einem Journalisten hatte abgleichen lassen, legen dies nahe. Oberaufseher Zumwinkel stellt Wegner am 31. Oktober 2005 ruppig zur Rede. Ende der Geschichte – so scheint es. Bis ein Informant im Sommer 2007 René Obermann von den Machenschaften Trzeschans erzählt. Dass der Gesetze breche, dass er gern wie ein Geheimagent operiere, dass er seine Pflichten als Beamter verletze.

Obermann stößt eine konzerninterne Untersuchung an. Die Vorwürfe bestätigen sich, aber das Verfahren endet mit der mildesten aller Strafen: einem Verweis. Die Telekom hält Trzeschan unter anderem zu Gute: Er habe sich durch seine Handlungen keinen persönlichen Vorteil verschafft. So steht es in einem Bericht über das Disziplinarverfahren, der dem „Handelsblatt“ vorliegt.

Im Januar 2008 ist das interne Verfahren abgeschlossen. Damit endete die Angelegenheit Trzeschan für René Obermann. Sie holt den Telekom-Chef erst wieder ein, als einer von Trzeschans externen Zuarbeitern, eine Detektei aus Berlin, seinen Konzern im Frühjahr 2008 zu erpressen versucht. Erst jetzt gibt Obermann den Fall an die Staatsanwaltschaft, und nach deren Ermittlungen hatte Trzeschans Arbeit eine viel größere Dimension, als die internen Ermittlungen ergaben.

René Obermann weist die Vorwürfe, Trzeschan sei zu milde bestraft worden, auf Anfrage des „Handelsblatts“ von sich. Die Telekom betont, die Bestrafung Trzeschans sei nach den damaligen Erkenntnissen nicht milde gewesen. „Für Sanktionen wie Entfernung aus dem Beamtentum reichten die damaligen Erkenntnisse nicht aus“, heißt es in Bonn. Die Telekom räumt aber ein, nicht nachgeforscht zu haben, wessen Telefonate illegal überprüft worden sind, weil sie dazu erneut das Fernmeldegeheimnis erneut hätte brechen müssen. Nach vier Monaten ist Klaus-Dieter Trzeschan kürzlich aus der U-Haft entlassen worden – gegen eine Kaution von 45 000 Euro. Ausgesagt hat er bis heute nicht. (HB)

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