Wirtschaft : Dauerquatschen für null Cent

Internet-Telefonie wird zum Massenmarkt – nicht nur für Computerfreaks

Corinna Visser

Berlin - Telefonieren für null Cent? Das Internet macht es möglich. Bereits heute nutzen rund 400000 Menschen die Sprachübertragung über das Datennetz (Voice-over-IP), um beim Telefonieren zu sparen. Ende 2005, so schätzt der Telekommunikationsexperte Thorsten Gerpott von der Universität Duisburg, werden es bereits eine Million Nutzer hier zu Lande sein. „Telefonieren über das Internet ist längst kein Thema für Computerfreaks mehr“, sagt Roman Friedrich, Geschäftsführer der Technologie- und Managementberatung Booz Allen Hamilton.

Führende Anbieter für Voice-over-IP in Deutschland sind Freenet, Web.de und Sipgate. Die drei Firmen haben Ende Dezember ihre Netze zusammengeschlossen, so dass ihre Kunden untereinander sogar kostenfrei telefonieren können. Matthias Hornberger, Vorstand von Web.de, erwartet, dass sich 2005 weitere Unternehmen dem Netzwerk anschließen. „Es sind alle herzlich eingeladen – auch T-Online“, sagte Hornberger im Gespräch mit dem Tagesspiegel. T-Online, die Internettochter der Telekom, ist mit einem Marktanteil von mehr als 80 Prozent der etwa 6,6 Millionen Anschlüsse Marktführer bei den schnellen Internetzugängen über DSL. Die schnelle Übertragung ist eine Voraussetzung für das Telefonieren über das Netz.

Spannend bleibt für Hornberger „die Frage, wie attraktiv das von T-Online für kommendes Jahr (2005) angekündigte Voice-over-IP-Produkt sein wird“. Bei den Preisen sieht er allerdings keinen Spielraum nach unten mehr: Von einem Internetanschluss zum anderen telefonieren die Nutzer bereits kostenlos, Telefonate ins Festnetz kosten bei Web.de ab einem Cent. „Niedriger geht es nicht mehr“, sagte Hornberger. So sieht das auch Gerpott: „Das sind Preise in der Marktöffnungsphase.“ Geld verdienen will Web.de künftig mit kostenpflichtigen Zusatzangeboten. „Das Kommunikationsbudget muss dabei nicht unbedingt steigen, aber es gibt mehr Leistung dafür,“ sagte Hornberger.

Damit die Internettelefonie aber zu einem Massengeschäft werde, müssten 2005 noch einige Rahmenbedingungen festgelegt werden. Die wichtigste Frage ist: Zu welchem Preis die Deutsche Telekom ihren Wettbewerbern einen DSL-Zugang zum Kunden vermieten muss, ohne dass die Wettbewerber gleichzeitig für den – dann überflüssigen – herkömmlichen Telefonanschluss bezahlen müssen. Bisher gibt es beides bei der Telekom nur im Doppelpack. Ein Telefon- plus DSL-Anschluss koste heute einen monatlichen Grundtarif von 35 bis 40 Euro. „Ein entkoppelter DSL-Anschluss sollte zehn bis 15 Euro billiger sein“, sagte Gerpott.

Vor den Privatkunden haben viele Unternehmen bereits auf Internettelefonie umgestellt. „In Westeuropa haben 40 Prozent der Unternehmen ihre Sprach- und Datennetze zusammengeführt und damit die Voraussetzung geschaffen Voice-over-IP zu nutzen. Ende dieses Jahres werden es 60 Prozent sein“, sagt Friedrich von Booz Allen Hamilton. Deutschland hinkt allerdings weit hinter her. Während hier zu Lande nur zwei Prozent aller Haushalte mit Breitbandanschluss Voice-over-IP nutzen, sind es in Schweden zwölf Prozent, in Italien 15 Prozent. „Für Deutschland erwarten wir bis 2009 einen Anteil von fünf Prozent bei den Privatkunden und bis zu neun Prozent bei den Firmenkunden“, sagt Friedrich.

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