Wirtschaft : Daumen hoch für Ärzte und Ingenieure

Vor allem dem Osten gehen die Fachkräfte aus

Ingenieur? Ja, bitte! Doch auch die Fachrichtung muss stimmen – etwa Maschinen- und Anlagenbau.Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Ingenieur? Ja, bitte! Doch auch die Fachrichtung muss stimmen – etwa Maschinen- und Anlagenbau.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Das Wort Vollbeschäftigung wird auch in Zukunft nicht aus dem Sprachschatz gestrichen – ganz im Gegenteil. Auch wenn es derzeit nicht den Anschein haben mag: Junge Menschen mit hoher Bildungsbereitschaft werden in den nächsten zwei, drei Jahrzehnten beste berufliche Perspektiven haben. Vor allem, wenn sie in Berlin, Brandenburg oder einem der anderen neuen Bundesländer leben. Denn gut ausgebildete Arbeitskräfte werden knapp. Gesucht sind Berufseinsteiger ebenso wie fitte Berufserfahrene.

Deutschland steuert auf den demografischen Engpass zu. Während die Generation der Babyboomer in Rente geht, rücken die dünn besetzten Geburtsjahrgänge ab 1989 nach. Besonders hart betroffen sind Berlin sowie die neuen Bundesländer, weil nach der Wende junge Menschen in Scharen Richtung Westen abgewandert waren. Die Prognos AG rechnet in der Studie „Arbeitslandschaft 2030“ für die Region Berlin und Brandenburg 460 000 unbesetzte Stellen vor.

Bisher wurde die demografische Entwicklung vor allem unter dem Aspekt der Rentenfinanzierung betrachtet. Viel entscheidender sind aber die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Heute sind in den neuen Ländern noch knapp acht Millionen Menschen erwerbstätig, anno 2030 müssen 5,6 Millionen Erwerbstätige das Gleiche leisten. Im Jahr 2060 werden nur noch vier Millionen Menschen zwischen 20 und 65 Jahren zur Verfügung stehen: Genug Arbeit für alle, die ihre Sache verstehen.

Wer die Chancen nutzen will, die der demografische Wandel bietet, muss bei der Berufsentscheidung die Entwicklungen richtig einschätzen – drei Beispiele: Erstens: Die deutsche Exportwirtschaft. Sie kann sich Deckungslücken in den Ingenieurberufen nicht leisten. Bereits jetzt klagen die Unternehmen über einen eklatanten Mangel an geeigneten Fachkräften: Jahr um Jahr scheiden 36 000 Ingenieure aus, während nach den Erwartungen des Berufsverbandes VDI höchstens 30 000 Anwärter von den Hochschulen nachrücken, Tendenz weiter fallend. Das hakelige Ingenieurstudium begeistert immer weniger Abiturienten.

Aber Vorsicht: Nach den Arbeitsmarktdaten sind 400 000 Ingenieure entweder nicht beschäftigt oder arbeiten deutlich unter ihrer Qualifikation. Das zeigt, wie sorgfältig die Berufsentscheidung austariert werden muss. Gefragt sind vor allem die Fachrichtungen Maschinen- und Anlagenbau, Elektrotechnik, Informatik sowie Wirtschaftsingenieurwesen – Berufe, deren Leistungen die Exportkraft der deutschen Wirtschaft tragen. Kandidaten sollten außerdem eine nahezu leidenschaftliche Neigung zur Weiterbildung haben; die hohe Spezialisierung in den Ingenieurberufen fordert dies.

Beispiel zwei: Auch mit der Entscheidung für einen Beruf im Bereich Medizin und Pflege kann man wenig verkehrt machen. Dabei stehen noch nicht mal die reinen Pflegedienste im Vordergrund. Für die Altenpflege entscheiden sich die meisten Arbeitnehmer erst bei einer Umorientierung in ihrer Berufsbiografie; angesichts des eher bescheidenen Lohnniveaus und der hohen zeitlichen Belastung auch kein Wunder. So bleibt die anspruchsvolle Altenpflege vermutlich noch lange eine Domäne der Seiteneinsteiger.

Attraktiv und erwerbssicher sind für junge Menschen vor allem die Heilberufe. Gesucht sind in erster Linie Ärzte aller Fachrichtungen, in Krankenhäusern oder mit eigener Praxis. Der Medizinernachwuchs wird allerdings durch den Demografiewandel überfordert sein: Nur 4500 bis 6000 junge Ärzte rücken pro Jahr im Gesundheitswesen nach, während 8000 bis 9000 Mediziner demnächst Ruheständler werden. Gerade die steigende Zahl an Senioren hat aber einen hohen Behandlungsbedarf. Beste Berufschancen also auch für gut ausgebildete Kandidaten in den medizinischen Assistenzberufen – eine klassische Domäne der Frauen. Bereits heute müssen in einigen Regionen Schwestern Arztaufgaben übernehmen, etwa Hausbesuche oder Routinebehandlungen.

Und schließlich noch ein „Anti-Trend“: Verwaltungsberufe sind auf dem absteigenden Ast, selbst im sorgsam behüteten Bereich der öffentlichen Verwaltung. Sobald umgesetzt werden darf, was an digitalen Lösungen im „eGoverment“ bereits entwickelt ist, sind die Tage der ruhigen Aktenverwaltung gezählt. Alle Arbeitsmarktforscher setzen hier die Lichter auf Rot. Der einst so sichere Beamtenjob könnte also in Zukunft zur beruflichen Sackgasse werden. kdv

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