Davos : Wirtschaftsforum: Weltretter unter sich

2500 Manager, Politiker und Experten diskutieren ab Mittwoch in Davos, wie die Wirtschaft nach der Krise organisiert sein soll.

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Berlin - Die größte Neuerung erwartet die Besucher des Weltwirtschaftsforums von Davos schon bei der Anreise. Den Kontrollpunkt bei der Einfahrt in den Wintersportort in den Schweizer Alpen dürfen diesmal nur Autos passieren, die höchstens neun Liter auf 100 Kilometer verbrauchen und nicht mehr als 230 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Unannehmlichkeiten müssen die Wirtschaftslenker und Regierungschefs trotzdem nicht fürchten – die Schwellen sind so gewählt, dass es von den gängigen schweren Limousinen mindestens ein Modell gibt, das darunter liegt. Laufen muss die Elite also auch diesmal nicht.

Das am Mittwoch beginnende Forum steckt auch diesmal in seiner ewigen Zwickmühle. Das Motto im 40. Jahr der Veranstaltung – „Den Zustand der Welt verbessern: überdenken, umgestalten, wieder aufbauen“ – stellt die allerhöchsten Ansprüche, doch in der wirtschaftlichen und politischen Realität der Teilnehmer gelten häufig andere Bedürfnisse und Maßstäbe. Klaus Schwab, Gründer und Veranstalter, formuliert routiniert grundsätzlich. „Wir müssen unsere Werte überdenken und unsere Institutionen erneuern“, hat der 71-jährige gebürtige Deutsche seinen Auftrag an die Teilnehmer umschrieben. Das System der globalen Zusammenarbeit sei ungenügend, die Lage der Welt habe sich seit dem Treffen vor einem Jahr fundamental verschlechtert. „Wir spüren die Gefahr, dass wir uns von der Finanzkrise im Jahr 2008 über die Wirtschaftskrise im Jahr 2009 in eine Sozialkrise in diesem Jahr bewegen.“

Zum kämpferischen Ton passt, dass Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy die Eröffnungsrede hält. Er wird es an scharfen Worten an die Adresse der Bankenbranche nicht fehlen lassen, schließlich hält er das angelsächsische Modell des Finanzkapitalismus für gescheitert und sieht sich als Ideengeber für die neuen Reformpläne von US-Präsident Barack Obama. Auch an Applaus wird es nicht fehlen – aber ob Anspruch und Wirklichkeit zueinanderfinden, also aus den Beiträgen von Davos zum Beispiel neue Impulse etwa für die Beratungen der G-20-Staaten werden, ist fraglich.

Die Liste der deutschen Gäste legt das jedenfalls nicht nahe. Angela Merkel kam über die Jahre immer wieder und auch als Bundeskanzlerin schon zweimal, aber diesmal fehlt die Regierungschefin, und auch Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) kommt nicht. Erwartet werden dagegen die Minister Rainer Brüderle (Wirtschaft/FDP), Guido Westerwelle (Außen/FDP) und Karl-Theodor zu Guttenberg (Verteidigung/CSU), die aber beim Thema Bankenregulierung allenfalls Nebenrollen spielen. Dafür ist Deutschland bei den Popstars ganz weit vorne: Während sich diesmal offenbar keine Größen wie Bono oder Angelina Jolie angesagt haben, plant Udo Jürgens einen Besuch. Auch ohne Merkel und ohne Hollywood ist Davos wieder ein Treffen der Superlative: Aus gut 90 Ländern kommen die mehr als 2500 Teilnehmer, darunter zahlreiche Lenker großer Konzerne, 30 Staats- oder Regierungschefs und ein Dutzend Zentralbankpräsidenten. Bayer und Siemens, Bertelsmann, BASF, Lufthansa, Metro, Post und Volkswagen sind allesamt mit ihren Vorstandsvorsitzenden vertreten, ferner viele Top-Manager aus den USA, Großbritannien, Russland und Indien. Eine herausgehobene Position haben die Co-Vorsitzenden des Forums, darunter der aus der Schweiz stammende Deutsche-Bank- Chef Josef Ackermann und Google-Chef Eric Schmidt. Insgesamt stehen rund 1000 Firmen hinter der Veranstaltung. Im Laufe der Jahre hat Davos zunehmend Themen und Begriffe sozialer Bewegungen aufgegriffen. Trotzdem erwartet auch in diesem Jahr die Gegenveranstaltung großen Zulauf: Das Weltsozialforum, jetzt im zehnten Jahr, kommt im südbrasilianischen Porto Alegre zusammen und rechnet mit 20 000 Teilnehmern.

Dort wie in Davos ist die verheerende Lage in Haiti auf die Tagesordnung gerückt. Und so wird das Treffen der Reichen und Mächtigen in den Alpen versöhnlich enden können: Denn selbst wenn aus all den großen Worten über die Reform der Finanzbranche nichts wird, sollte es doch für 2500 Weltretter ein Leichtes sein, den Menschen in Haiti nachhaltig zu helfen. In Davos werde Ex- US-Präsident Bill Clinton eine Initiative starten, „damit sich Unternehmen langfristig beim Wiederaufbau von Haiti engagieren“, hat Schwab angekündigt.

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