Wirtschaft : Dax: Pessimisten behalten im Juli die Oberhand

Veronika Csizi

Berufsoptimisten hatten für Juli eine heiße Sommerrallye prognostiziert. Sie sollte nicht kommen. An fast allen Märkten rund um den Globus behielten Pessimisten und Baisse-Spekulanten, die auf fallende Kurse setzen, die Oberhand. Den 6000er-Gipfel schaffte der Dax nur kurz zu Monatsbeginn, dann ging ihm wieder die Puste aus. Weitere Gewinnwarnungen aus den USA brachten den deutschen Leitindex ins Taumeln. Beispielsweise meldeten Speichergigant EMC und Chip-Produzent AMD enttäuschende Ergebnisse.

Absturz auf März-Tief verhindert

Andererseits bremsten positive Nachrichten aus den USA den Kursrückgang ab, so dass der drohende Absturz auf das März-Tief bei 5380 Punkten verhindert wurde. Yahoo, Cisco-Konkurrent Juniper Networks, Motorola und vor allem Chip-Weltmarktführer Intel präsentierten unerwartet gute Zahlen. Die Gewinnwarnungswelle ebbe langsam ab, hieß es auf dem Parkett.

Während der weltgrößte Software-Hersteller Microsoft mit Gewinneinbrüchen kämpfte, war SAP der Star des Monats. Die Walldorfer verbesserten ihren Konzernüberschuss im ersten Halbjahr 2001 um knapp 90 Prozent, trotz der eingetrübten Konjunktur dies- und jenseits des Atlantiks. Wäre da nicht Commerce One. Der Hersteller von Software für den Internethandel zwischen Unternehmen - kurz B2B - schockte die Märkte mit einem Nettoverlust von mehr als zwei Milliarden Dollar allein im zweiten Quartal. SAP hatte seinen Anteil an Commerce One erst im Juni von gut vier auf 20 Prozent angehoben. Auf den größten europäischen Softwarekonzern umgerechnet bedeutet dies: 100 Millionen Euro weniger in der Gewinnschatulle. Die Aktionäre blieben jedoch gelassen. Im Monatssaldo liegt SAP nur marginal im Minus. Im Vergleich zum Jahresbeginn hat das Unternehmen sogar gegen den schwachen Trend über 50 Prozent zugelegt.

Der Softwareriese ist damit immer noch deutlich niedriger bewertet als MLP. Folgerichtig geriet das Dax-Debüt des Heidelberger Finanzdienstleisters dann auch zu einem kleinen Desaster. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 90, das sei üppig für ein Unternehmen wie MLP, hieß es. Binnen kürzester Zeit verloren die Heidelberger ein knappes Drittel ihres Börsenwertes.

Auch die Widerstandsfähigkeit anderer Aktien wie Siemens und Epcos wurde am Markt auf die Probe gestellt. Während Infineon den Juli trotz der Belastung durch die Kapitalerhöhung mit einem Plus beendete und sich somit vom neuen Allzeittief bei 24,70 Euro ein wenig erholte, gehörten die anderen Mitglieder der Siemens-Familie zu den Monatsverlierern. Mit gutem Grund: Siemens verärgerte die Anleger mit überraschend schlechten Zahlen. Selbst ohne Berücksichtigung der Verluste bei Infineon endete das dritte Quartal mit einem Minus von beinahe einer Milliarde Mark. Nur dank einiger Sondereinnahmen gelang es, das Plus in der Bilanz zu retten.

Unzufrieden zeigten sich die Anleger vor allem mit den hohen operativen Verlusten, für die Siemens den schwachen Mobilfunkmarkt verantwortlich machte. Weiter in die Knie ging auch Epcos. Zwar erwirtschaftet der Bauelemente-Konzern als einziges Mitglied der Siemens-Familie aktuell noch ein Plus, doch mussten die Prognosen im Juli zum dritten Mal gesenkt werden, die Gewinne brachen um fast zwei Drittel ein. 17 000 Stellen werden den Schwächeanfall der Siemens-Familie nicht überleben.

Sehr schwach entwickelte sich auch der Finanzsektor. Anleger mieden die Geld-Titel im Dax aus Furcht vor Gewinneinbrüchen wegen des schwachen Investmentgeschäfts. Auch mehrere Herabstufungen der gesamten Branche sorgten nicht gerade für Kauflaune. Vor allem die Deutsche Bank setzte ihren seit Mitte Mai bestehenden Abwärtstrend fort. Ob die Anleger mit ihren Verkäufen richtig lagen, dürften die am Mittwoch anstehenden Geschäftszahlen zeigen.

Abschied von der Dresdner Bank

Die Allianz stand unter Abgabedruck - ohne wirklich schlechte Nachrichten. Die Übernahme der Dresdner Bank ging reibungslos über die Bühne, der Versicherungsriese hält nun über 95 Prozent an der Bank. Allerdings räumt die Allianz nun erst einmal auf. Rund 1000 Investmentbanker müssen den Konzern verlassen. Die Anleger verließen die Dresdner Bank wohl mit zwei lachenden Augen: Selbst Aktionärsschützer berurteilten die Übernahme positiv. Und wer das Papier schon seit fünf Jahren hielt, hatte einen Gewinn von 134 Prozent gemacht und damit den Dax selbst überflügelt.

Motivationslos zeigte sich der Markt in Sachen Daimler-Chrysler. Trotz der raschen Rückkehr in die Gewinnzone bewegte sich die Aktie im Juli unter dem Strich kaum. Die Investoren, so urteilte Goldman Sachs, hielten die Erholung bereits für "eingepreist". Schließlich ist der Börsenwert der Stuttgarter in diesem Jahr bereits um ein gutes Viertel gestiegen. Vor allem US-Investmentbanken sehen dies skeptisch. Merrill Lynch stufte Daimler-Chrysler auf "verkaufen" zurück.

Zurückhaltung bei Auto-Aktien

Auch Prudential Securities sieht in der Daimler-Chrysler-Aktie eine Verkaufsposition. Einzig die Landesbank Baden Württemberg - mit gleichem Dienstsitz wie der Autobauer - vergab im Juli ein Kaufvotum: "Outperformer". Der Abwärstrend sei gebrochen, die Aktie werde sich zehn Prozent besser als der Markt entwickeln. Während auch BMW nicht so recht vom Fleck kam, gaben die Aktien von VW nach. Selbst die rasanten Quartalsergebnisse - die Erwartungen der Analysten wurden in weiten Teilen übererfüllt - wirkten nicht stabilisierend. 444 Millionen Euro fuhren die Wolfsburger netto von April bis Juni ein. Trotzdem rutschte das Papier wieder auf knapp über 50 Euro ab.

Dicht hinter dem Juli-Sieger Fresenius Medical Care platzierte sich ein Unternehmen, das sonst nicht zu den Marktlieblingen gehört: Henkel. Der Chemie-, Kosmetik- und Waschmittelhersteller soll von Umschichtungen eines größeren Investors profitiert haben, sagen Händler. Zudem beflügelten die geplante Expansion in Asien und Amerika sowie Gerüchte über den möglichen Verkauf der Chemiesparte den Titel. Allerdings: Auf dem gleichen Kursniveau wie heute bewegte sich die Henkel auch schon vor drei Jahren.

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