Wirtschaft : Dax-Rallye macht Börsenprofis nervös

Experten warnen vor einer Euphorie – Nokia hebt Gewinnausblick an, enttäuscht aber mit Umsatzerwartung

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Berlin (mot/os). Der weltgrößte Handyhersteller Nokia hat am Dienstag seine Gewinnprognose für das dritte Quartal 2003 erhöht. Das finnische Unternehmen, dessen Geschäftsausblick immer auch als Stimmungsindikator für die gesamte Branche dient, verband die gute Nachricht allerdings mit einer schlechten: Der für das dritte Quartal erwartete Umsatz wurde nicht angehoben.

Damit setzt Nokia eine Serie von Unternehmensprognosen fort, die alle eines gemeinsam haben. Die Gewinne der Technologiefirmen steigen, aber nur weil im zurückliegenden Abschwung massiv gespart und rationalisiert wurde. Die Umsatzerwartungen bleiben hingegen vorsichtig. Ob sich das Geschäft – wie von vielen erhofft – Ende des Jahres tatsächlich belebt, bleibt somit ungewiss.

An der Börse wurden die NokiaZahlen am Dienstag entsprechend zurückhaltend aufgenommen: An der Frankfurter Börse verloren Nokia-Aktien bis zum Börsenschluss 6,07 Prozent. Auch der Dax stand wegen schwacher Technologiewerte unter Druck und gab 1,29 Prozent auf 3594,40 Punkte nach.

IWF warnt vor Rückschlägen

Aktienexperten interpretierten die Reaktion der Börse aber durchaus positiv: „So ein Tag gefällt mir“, sagte Gertrud Traud, Leiterin der Aktienmarktstrategie der Bankgesellschaft Berlin. „Es zeigt, dass die Anleger nicht in hemmungslose Euphorie verfallen.“ Die Nokia-Zahlen seien ein Beleg dafür, dass sich die Unternehmen in einem „ganz normalen Zyklus“ befänden: Erst wird rationalisiert, dann legen sich die Firmen ein Gewinnpolster an und schließlich steigen die Umsätze.

Vor allem die Vorsicht der Kleinanleger stimmt die Experten zuversichtlich. „Sie laufen Gefahr, zu spät aufzuspringen, wenn die Kurse steigen“, sagt Gertrud Traud. Die Bankerin ist allerdings skeptisch, ob es bei der Zurückhaltung bleibt. „Wenn jetzt überall zu lesen ist, dass der Dax weiter steigt, ist das ein Indikator, der mir nicht behagt.“ Das heißt: Bricht an der Börse der Jubel aus, wächst die Gefahr, dass die großen, marktbeherrschenden Anleger rechtzeitig aussteigen, um ihre Gewinne zu sichern und die ungeübten Kleinanleger das Nachsehen haben. „Es kann an der Börse schnell zu einer Eigendynamik kommen“, sagt Georg Elsässer, Aktienstratege bei HSBC Trinkaus&Burkhardt. Auch der Internationale Währungsfonds warnt vor Rückschlägen. In seinem halbjährlichen Bericht zur Stabilität des internationalen Finanzsystems schreibt der IWF, die Kapitalmärkte hätten sich in diesem Jahr zwar überraschend widerstandsfähig gezeigt. Allerdings drohe ein gefährlicher Rückschlag, falls die hoch gesteckten Erwartungen der Anleger enttäuscht würden.

Vorerst haben allerdings viele Privatanleger noch das ungute Gefühl, den Aufschwung verpasst zu haben. Börsenpsychologen finden dafür nachvollziehbare Gründe. Viele Anleger haben noch in Erinnerung, wie sie sich auf dem Börsen-Höhepunkt die Finger verbrannten. Also bleiben viele misstrauisch, solange sie sich nicht sicher sind. Doch diese vernünftige Reaktion führt paradoxerweise zu den gleichen Fehlern wie in der Vergangenheit: Der Kleinanleger steigt erst ein, wenn er das sichere Gefühl hat, es gehe weiter nach oben. Dann aber ist es meist schon zu spät.

Wer so nach dem richtigen Einstiegszeitpunkt in einer Aufwärtsbewegung sucht, die – wie die Grafik zeigt – seit Mitte März in Zickzack-Schritten erfolgt, wartet mitunter viel zu lange. Börsenpsychologen empfehlen dem Anleger deshalb, vor dem Kauf schriftlich seine Erwartung festzuhalten, in welchem Zeitraum und wie hoch das Wertpapier oder der Fonds, den er kaufen will, steigen soll. Dann wird ein Stopp-Kurs bestimmt, bei dem das Papier automatisch verkauft wird, falls der Kurs sinkt. Dieser Ausstiegskurs wird je nach Risikoneigung bei etwa zwei Prozent unter dem Einstiegskurs festgelegt. Steigt das Papier hingegen auf das vorher festgelegte Niveau, verkauft der Anleger ebenfalls. Im ersten Fall wird das Risiko begrenzt, im zweiten Fall der erhoffte Gewinn realisiert.

Angesichts des Dax-Anstiegs von 60 Prozent seit März erwarten viele Experten eine Korrektur. Georg Elsässer glaubt sogar, dass es mit dem Dax in den kommenden vier bis sechs Wochen kräftig nach unten geht. Im schlimmsten Falle bis auf 3000 Punkte. Auch die Berenberg Bank schätzt, dass der Abstieg bald beginnt: spätestens bei einem Dax „zwischen 3750 und 3800 Punkten“. Charttechniker (siehe Lexikon Seite 16) erwarten, dass der Index zunächst bis etwa 3930 Punkte steigt. Dann entscheidet sich, ob es zu einer Abwärtswelle bis 3000 oder gar 2700 Punkte kommt, oder ob der seit Anfang 2000 anhaltende Abwärtstrend neutralisiert wird. Dies wäre der Fall, wenn der Dax über 4000 Punkte steigt. Gertrud Traud hält 4000 Zähler bis Ende 2003 für möglich. Das wären von heute an gerechnet elf Prozent mehr. Im Jahresverlauf hätte der Dax dann eine echte Rallye hinter sich: plus 40 Prozent.

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