Wirtschaft : Dax: Sturmwarnung für den Aktienindex

Veronika Csizi

Da brauchen auch konservative Anleger Beruhigungspillen: Satte 14 Prozent rauschte der Dax in den ersten drei Märzwochen in die Tiefe. Dass am 13. März die psychologisch wichtige 6000-Punkte-Marke fiel, sollte nur ein kleiner Vorgeschmack sein. Denn eine weitere Handelswoche später sah sich der deutsche Leitindex bereits die 5400 Punkte von unten an. Schuld daran war wieder einmal Alan Greenspan, der Chef der amerikanischen Notenbank. Statt wie vom Markt gefordert um 75 Prozent senkte er die US-Zinsen nur um 50 Basispunkte. Fast schon panisch leerten die Anleger daraufhin ihre Depots.

Erstmals seit vielen Monaten gab es auch in den sicheren Häfen Sturmwarnung. MAN, Thyssen-Krupp, Linde, Preussag und der Dax-Neuling Deutsche Post blicken auf eine rote Monatsbilanz zurück. Einen passenden fundamentalen Hintergrund dazu sucht man indes vergebens. Die Händler könnten sich die Talfahrt nicht erklären, hieß es beispielsweise bei Linde, die um fast zehn Prozent in die Knie gingen. Der im Juni 2000 gestartete Aufwärtstrend ist damit endgültig gebrochen. Selbst dem rundum positiven Geschäftsausblick - acht Prozent mehr Umsatz im laufenden Jahr - wollten die Investoren nicht so recht glauben.

Der Maschinenbauer MAN brach im März gar um gut 15 Prozent ein und hat damit seine seit Dezember eingefahrenen Gewinne komplett wieder abgegeben. Der Mischkonzern Preussag, der inzwischen fast 50 Prozent seiner Umsätze im Touristikgeschäft erwirtschaftet, denkt angeblich über eine Namensänderung nach. Aus Preussag soll TUI werden, nach dem Namen der Reisetochter. Für den Monatsverlust von fast 12 Prozent dürfte diese Nachricht jedoch nicht verantwortlich sein. Auf dem Parkett hieß es vielmehr, die Anleger hätten begonnen, bei den Substanzwerten aufgelaufene Gewinne mitzunehmen - und sie langsam wieder in die High-Tech-Werte zu stecken.

Auch dass der Hauptprofiteur dieser Umschichtungen in der stark zyklischen Halbleiterbranche arbeitet, deuten manche als erste Vorboten eines unerwarteten Börsenfrühlings. Mit einem Plus von 18 Prozent lief Infineon im März allen anderen Dax-Werten davon. Der Grund dafür ist unter anderem in den USA zu suchen: Chip-Konzern Intel sprach von einer Wiederbelebung der PC-Umsätze, auch Konkurrent Micron Technology registriert eine leichte Ankurbelung der Geschäfte. Der Branchenindex Philadelphia Semiconductor Index stemmt sich seit zwei Wochen gegen das rabenschwarze Börsenumfeld und legte um mehr als ein Fünftel zu. Auch Infineon-Chef Ulrich Schumacher spricht mittlerweile von anziehenden Preisen bei Speicherchips. Übrigens: Am 13. März feierte die Siemens-Tochter ihren ersten Dax-Geburtstag. Wer zu den Erstzeichnern zählt, kann allerdings noch immer Gewinne verbuchen.

Dem Monatsgewinner Infineon steht der Monatsverlierer SAP gegenüber. Das Softwarehaus verlor in den vergangenen vier Handelswochen knapp 25 Prozent. Belastet hätten dabei, so hieß es bei Händlern, vor allem die nicht abreißenden Gewinnwarnungen aus den USA. Nach Intel reduzierten zuletzt Oracle und Nortel Networks ihre Wachstumsprognosen. Dass SAP zur Monatsmitte nochmals unterstrich, man werde die selbst gesetzten Ziele (23 Prozent Umsatzwachstum im ersten Halbjahr 2001) erreichen, half dem Kurs ebensowenig wie die Kaufempfehlungen mehrerer Banken. Angeblich soll das US-Investmenthaus Goldman Sachs größere Pakete an SAP-Aktien auf den Markt geworfen haben.

Negative Kommentare aus den USA machten auch den Banken zu schaffen. Mehrere US-Investmenthäuser reduzierten Gewinnprognosen wie Kursziele von Deutscher, Dresdner und Commerzbank zum Teil drastisch. Wiederum Goldman Sachs setzte das Zwölf-Monats-Kursziel der Deutschen Bank beispielsweise von 103 auf 83 Euro herunter, also noch unter den aktuellen Kurs. Die Begründung: Angesichts des schwachen Börsenumfelds sei mit erheblich gedrückten Ergebnisssen im Investment-Banking zu rechnen. Den Branchenprimus drückten die US-Banken damit bis auf zuletzt gut 86 Euro.

Zunächst Gerüchte, dann die Bestätigung eines dritten Fusionsversuchs um die Dresdner Bank gaben den Finanztiteln im Dax zum Monatsende jedoch wieder Rückenwind. Dass nun die Allianz die Mehrheit bei der Dresdner übernehmen wird, bescherte den Papieren des Übernahmekandidaten ein Monatsplus von 13 Prozent nahe an jenen 53 Euro, die der deutsche Versicherungskonzern in eigenen Aktien (plus Barkomponente) bezahlen will. Auch die Commerzbank avancierte erneut zum potentiellen Übernahmekandidaten und legte leicht zu. Bei Hypo-Vereinsbank und Deutscher Bank war das deutliche Monatsminus indes nicht mehr aufzuholen. Auch die Allianz, auf die nun erhebliche Kosten zukommen, ließen die Anleger fallen wie ein heiße Kartoffel: Über zehn Prozent schrumpfte der Kurs im Monatsvergleich.

Einen ähnlich herben Rückschlag mussten auch die noch jungen Post-Papiere und deren Aktionäre verkraften. Selbst dass das Briefmonopol für Sendungen unter 2000 Gramm - ein Bereich, der immerhin 80 Prozent zu den Post-Gewinnen beiträgt - um weitere fünf Jahre bis 2007 verlängert wurde, konnte die Aktie nicht wieder über ihren Ausgabepreis von 21 Euro befördern. Die zweite Dax-Aktie aus Bundesbesitz, die Deutsche Telekom, ist mittlerweile wohl am unteren Ende der Fahnenstange angelangt. Das leichte Plus von knapp einem Prozent interpretierten Analysten als gesunde Bodenbildung nach einem langem Abwärtsrausch.

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