Wirtschaft : Dax-Werte leiden unter dem Störfeuer der Politik

PETER HEIN

Die Jahresmitte ist traditionell der Zeitpunkt, an dem die Aktienanleger Zwischenbilanz ziehen. Das Halbzeitergebnis des Deutschen Aktienindex Dax fällt dabei alles andere als berauschend aus. Nach sechs Monaten weist das wichtigste deutsche Kursbarometer einen Wertzuwachs von gerade mal 1,7 Prozent aus. Damit steht der Index im internationalen Vergleich nicht gut da. An den wichtigsten Börsenplätze lief es deutlich besser. Der Dow Jones zum Beispiel kommt auf ein Plus von stolzen 20 Prozent. Der Londoner Financial Times-Index legte 7,5 Prozent zu, und der japanische Nikkei-Index feierte mit einem Zuwachs von über 30 Prozent ein glanzvolles Comeback.Keine Frage: Deutsche Dividendentitel litten unter dem Störfeuer aus der Politik. Die Diskussion um Atomenergie und Steuer- und Rentenreform sorgten für reichlich Mißstimmung. Mancher Anleger mochte da vergangenen Zeiten nachtrauern. Im Vorjahr legte der Index bis zur Halbzeit satte 34,5 Prozent zu - ein Traumergebnis, das allerdings nur alle Jubeljahre mal vorkommt. Doch sie seien beruhigt: Der Indexgewinn auf Sparbuchniveau gibt lediglich die Durchschnittsentwicklung der dreißig wichtigsten deutschen Aktien wieder. Und die verlief in Einzelfall höchst unterschiedlich.Während die Notiz von MAN, Siemens oder Mannesmann locker über 30 Prozent zulegte, weisen Verlierer wie Allianz oder Degussa einen Kursabschlag von rund einem Fünftel auf. "In Seitwärtsphasen ist eine solche Marktaufspaltung normal", weiß Achim Matzke, Aktienstratege bei der Commerzbank. Die unterschiedliche Branchenentwicklung ist seiner Meinung nach auch einer der Gründe für die schlechte Gesamtbilanz. "Beim Dax sind Automobil- oder Maschinenbauaktien deutlich höher gewichtet als zum Beispiel Telekommunikationswerte." Und während sich in den beiden Vorzeigebranchen der deutschen Industrie eine Beruhigung der Konjunktur abzeichnet, brummt der Laden bei den Telefonaktien. "Deren Anteil im Euro Stoxx liegt mit 20 Prozent zum Beispiel doppelt so hoch wie beim Dax. Das hat in den letzten Monaten die Performance gebracht."In der Tat gehören die Telefonaktien Mannesmann und Deutsche Telekom auch im Dax-Feld zu den klaren Gewinnern. Rechtzeitig zur Kapitalerhöhung brachte Telekomchef Ron Sommer durch gutes Marketing und einen geschickten Schachzug den Aktienkurs seines Unternehmens auf Vordermann: Nachdem der Bund seine Aktien an der Börse registrieren ließ, stieg der Indexanteil des Konzerns rechnerisch auf rund 15 Prozent, weil die Zahl der handelbaren Aktien bei der Indexberechnung eine wichtige Rolle spielt. Durch die Indexanpassung mußten institutionelle Anleger, die ihr Depot am Dax ausrichten, die T-Aktie kaufen - ob sie wollten oder nicht. Konkurrent Mannesmann ist hingegen als lachender Gewinner aus der Übernahmeschlacht um Telecom Italia hervorgegangen.Absoluter Top-Performer mit 35 Prozent war im letzten halben Jahr aber die MAN-Aktie. "Das Unternehmen ist in der Entwicklung seiner Geschäftsbereiche Druckmaschinen und Nutzfahrzeuge ein ordentliches Stück vorangekommen", sieht Alfred Schoengraf vom Bankhaus Delbrück und Co. den Kursanstieg gerechtfertigt. Zugute kam MAN dabei vor allem das bislang erfolglose Gerangel von Volvo und VW um den schwedischen LKW-Produzenten Scania. Davon kann der Augsburger Konzern nach Meinung Schoengrafs nur profitieren. "MAN wird bei der Neugestaltung des europäischen Nutzfahrzeugbereich ein entscheidendes Wörtchen mitreden", ist sich Analyst Schoengraf sicher.Auch bei Siemens, Drittplazierter in der Halbjahreshitparade, gibt es gute Gründe für den Kursanstieg. Der Münchner Elektroriese ist aus dem jahrelangen Dornröschenschlaf an der Börse erwacht, nachdem das Management mit der Umstrukturierung des Konzerns Ernst macht. Der Börsengang der beiden Bereiche Halbleiter und Passive Bauelemente/Röhren steht angeblich noch in diesem Jahr an. Das bringt der Aktie weitere Kursphantasie.Völlig unter die Räder gekommen sind dagegen Versicherungstitel. "Die Anleger befürchten, daß bei einer Zinswende deutliche Abschreibungen auf die enormen Rentenbestände der Versicherer fällig werden - und das in einer Zeit, in der die Ergebnis im technischen Versicherungsgeschäft stark rückläufig sind", kommentiert Konrad Becker, Versicherungsanalyst bei Merck Finck & Co. Die wieder aufflammende Diskussion um eine Besteuerung der Lebensversicherungen war da zusätzliches Wasser auf die Mühlen der Kurspessimisten. Die Allianz Holding mit ihrer Tochter Allianz Leben als führender deutscher Lebensversicherer ist von der Einführung der Kapitalertragssteuer bei Lebensversicherungspolicen besonders betroffen. Folglich hält die Aktie die rote Laterne.Nach einem verheißungsvollen Start lief es auch bei den Konsumwerten nicht so gut. "In den vergangenen Wochen haben wir unsere Gewinnschätzungen nach unten revidiert", erklärt Mark Josefson, Analyst beim Bankhaus Sal. Oppenheim. Einer der Gründe: Bei Konsumwerten hofften die Börsianer zunächst auf die Steuergeschenke von Finanzminister Oskar Lafontaine. Unter Lafontaines Nachfolger Hans Eichel wird daraus wohl nichts mehr werden. Aber Anleger von Konsumaktien müssen sich ohnehin auf ein Wechselbad der Gefühle einstellen. "Die vergangenen Jahren liefen bei Konsumtiteln immer nach dem gleichen Muster: Auf einen guten Start folgten Enttäuschungen", sagt Josefson.Still geworden ist es dagegen um den einstigen Star im Dax: die Softwareaktie SAP. Trotz der anstehenden Probleme bei der Umstellung der Computer auf das Jahr 2000 läuft es mit den Geschäften bei SAP nicht mehr so gut wie in den Vorjahren. "So ein Zugpferd fehlt dem Dax eben bei der Performance", weiß Commerzbank-Mann Matzke. "Aber vielleicht feiert der Wert ja ein Comeback im zweiten Halbjahr."

0 Kommentare

Neuester Kommentar